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Krefeld: Theresa Hannig liest aus ihrem Buch „Die Optimierer”.

Lesung : Hannig transportiert Orwell in die heutige Zeit

Theresa Hannig liest in den „Verwunschenen Nächten” aus ihrem preisgekrönten Buch „Die Optimierer”.

„Optimalwohlökonomie“. Dieses Wort muss sich der Leser oder Besucher der „Verwunschenen Nächte“ auf Burg Linn erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Es ist eine Konstruktion, die Schriftstellerin Theresa Hannig in ihrem Buch „Die Optimierer“ geschaffen hat. Sie steht auf solche Wortgebilde. Doch bei allem Wohlwollen, aufgepasst: Hinter diesem Begriff verbirgt sich reine Diktatur.

Für Moderator Bernhard Hennen ist „Optimalwohlökonomie“ ein bisschen gruselig – beinahe wie Beamtendeutsch. „Neue Wörter zu ergrübeln, das macht sie gerne – auch mit Doppeldeutigkeit“, sagt der bekannte Fantasie-Autor über Hannig. Museumsleiterin Jennifer Morscheiser weiß, was bei dieser Lesung im Rittersaal passiert, denn sie hat Hannig auf der Buchmesse gehört und war begeistert.

Mit „Die Optimierer“ gewann sie 2016 den Stefan-Lübbe-Preis

Nicht ohne Grund: Mit „Die Optimierer“ gewann die Autorin den Stefan-Lübbe-Preis 2016 und den Phantastik-Literaturpreis Seraph 2018 für das beste Debüt. Bisher hat sie zwei Bücher geschrieben, weitere sind in Arbeit. Daraus spendierte sie großzügig Kostproben. Eines der Bücher erscheint erst 2022. Super-Premiere in Krefeld.

Zu den Optimierern – dessen Inhalt sofort an George Orwells preisgekröntes „1984“ denken lässt. „Im Jahr 2052 hat sich die Bundesrepublik Europa vom Rest der Welt abgeschottet. Hochentwickelte Roboter sorgen für Wohlstand und Sicherheit in der so genannten ,Optimalwohlökonomie`. Hier werden alle Bürger von der Agentur für Lebensberatung rund um die Uhr überwacht, um für jeden einzelnen den perfekten Platz in der Gesellschaft zu finden.

Samson Freitag ist Lebensberater im Staatsdienst und ein glühender Verfechter des Systems. Doch als er kurz vor seiner Beförderung beschuldigt wird, eine falsche Beratung erteilt zu haben, gerät er in einen Abwärtsstrudel, dem er nicht mehr entkommen kann. Das System legt alles daran, ihn zu optimieren . . . ob er will oder nicht.“

Hannig beginnt ihre Lesung ungewöhnlich: Zuerst macht sie – mit Einwilligung – Fotos vom Publikum, dann folgt der Einstieg mit Gesang: „Die Gedanken sind frei . . .“ Sie erzählt in den Optimierern auch die Geschichte von Lila, die sich plötzlich kaum wiedererkennt, mit optimierten Augen, Falten um den Mund und kurzgeschorenen Haaren. Sie befindet sich in einem Appartement, das in der Villa Baltic in Kühlungsborn liegt. Es ist jedoch eine Gefängniszelle, die sie bewohnt, nach fünf Jahren im Tiefschlaf, in der „Verwahrung“, die sie nicht bewusst erlebt hat. Ihr Fazit nach dem ersten Schrecken: „Ich bin noch ein Mensch.“

Als sie sich an den Strand zur Dünenwanderung begibt, spürt sie nur die Illusion der Freiheit. Denn sie stößt auf ein graues Band, das sich zu einer hohen unüberwindbaren Mauer entwickelt. „Sie kommen nicht mehr frei“, lautet die Aussage eines alten Mannes, den sie trifft. „Sie werden hier leben wie im Schlaraffenland und dick sterben wie ein glückliches Schwein.“

Orwell hat es 1948 vorgeschrieben: Ist die lückenlose Überwachung erst einmal installiert, ist jeder Widerstand zwecklos. Bei Hannig kommt die Science-Fiktion-Geschichte zunächst leicht erzählt daher, ist jedoch nicht weniger eindringlich. Sie transportiert Orwell in die heutige Zeit. In ihrem Werk warnt sie auf kluge Art vor einem bequemen Schlaraffenland, einer Sorglosigkeit, mit der wir neue Technologien in unser Leben lassen. „Big Brother“ beobachtet weiter.