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Krefeld: Postillon trat mit Live-Show in der Kulturfabrik auf

Satire : Alles nur Satire: Nachrichten im Stil der Heute-Show

Das Internet-Magazin „Der Postillon“ trat mit seiner neuen Live-Show in der Kulturfabrik auf – mit gewohnt beißender Satire.

Stakkatoartig schossen die Originalsprecher der Postillon-Video- und Radionachrichten, Anne Rothäuser und Thieß Neubert, am Dienstagabend ihre giftigen Satirepfeile dem Publikum in der fast ausverkauften Kulturfabrik entgegen. Im Wechselspiel der beiden folgen Schlagzeilen auf Kurznachrichten und Kommentare. Dazu gibt es passende Videos mit Bildern und Texten, die für ein kurzweiliges Showspektakel sorgen. Mal spitzfindig, plakativ oder humorvoll – aber oft auch bitterböse satirisch – verlesen Rothäuser und Neubert ihre frei erfundenen Nachrichten.

Die erfundenen Nachrichten sind als solche meist leicht erkennbar, weil Darstellung und Text derart überzeichnen, dass man sie nur schwerlich als Wahrheit empfinden kann. Wenn aber Radiosender und Online-Medien mitunter die Postillon-Meldungen ohne Quellenangabe raushauen, kommt es immer wieder vor, dass Politiker die Aussagen für bare Münze und investigative Ergebnisse von Journalisten halten, diese ernsthaft kommentieren und sich so öffentlich blamieren.

Stimmung im Saal war
zunächst unterkühlt

Die Live-Show ist eine Mischung aus Tagesschau und satirischer Heute-Show. Rothäuser und Neubert sind routiniert, haben ihre Sprecherrollen kühl bis überheblich angelegt. Gleich ihre ersten Kontaktaufnahmen zum Publikum gingen deshalb in die Hose, als sie ihm mangelnde Intelligenz unterstellten, ohne aufzulösen, dass das schon Teil des Satire-Programms war. So war die Stimmung im Saal zunächst unterkühlt, und die Akteure mussten zum ersten Applaus regelrecht animieren. Danach verziehen die Krefelder den anfänglichen Fauxpas ohne Satire-Vorwarnung und spendeten bereitwillig Beifall.

Das 90-minütige Programm spießt politische und gesellschaftliche Themen aus aller Welt auf. Der Postillon begeistert als einer der erfolgreichsten deutschen Blogs täglich tausende Leser. Allein die Facebook-Seite hat weit mehr als zwei Millionen Fans und damit mehr als der Auftritt von Bild.de. Seit 2017 tingelt die Live-Show über Deutschlands Bühnen – jetzt in ihrer zweiten Auflage. Eines der Erfolgsrezepte sind kreative Wortspiele. Beispiel: „Rührend: Koch kümmert sich um Suppe.“ Irrwitziges mit verblüffenden Schlussfolgerungen kommt ebenfalls bestens an. So heißt es, Hacker hätten sich Zugang zum Computer der Bahn verschafft. Seitdem seien alle Züge pünktlich.

Außerdem legen die Postillone Wert auf aktuelle Meldungen wie zum Coronavirus. So wird passend zur erneuten Wahl im Thüringer Landtag der AfD-Kandidat Björn Höcke auf der Videowand mit Hitlergruß gezeigt. Kommentar: „Er hat einen Gruß erfunden, der das Händeschütteln und damit eine Ansteckung mit Viren unter lauten Heil-Rufen vermeidet.“

Topaktuell auch die Meldung aus Luxemburg: Das Land bietet als erstes auf der Welt den öffentlichen Nahverkehr gratis an (Achtung: das ist in der Tat der Fall). Der Nachteil: Jetzt würden Tausende von sadistischen Fahrkartenprüfern arbeitslos und auf die Menschheit losgelassen.

Eine weitere Stärke der Satiriker sind fantasievolle Geschichten, auf die Otto Normalbürger nie kommen würde. Beispiel: „Legoland wird unabhängig und ruft die Monarchie aus. Dänemark will den Verlust einer seiner reichsten Provinzen jedoch nicht hinnehmen.“ Das Kopfkino wird bei folgender Nachricht angeregt: „Neu sind Rauchmelder mit Schlummerfunktion. Wer gerne noch zehn Minuten weiterdösen will, kann sie vom Bett aus vorübergehend außer Kraft setzen.“

Nicht fehlen dürfen auch Witze über den unvollendeten Bau des Berliner Flughafens. „Die Startbahn wurde versehentlich als Kreisverkehr angelegt. Sollte der BER tatsächlich in Betrieb gehen, werden ganze Generationen von Schreibern und Kabarettisten arbeitslos.“ Die neuesten Meldungen vom Sport besagen, dass Drachen steigen lassen olympisch wird und beim Schach der Videoassistent eingeführt wird.

Erfunden oder nicht? In Arnsberg gibt es die erste Fußgängerampel mit Münzautomat für 50 Cent pro Einzelübergang mit Rabatt für Fahrbahn-Querungsgemeinschaften. Ach ja: Zum Schluss gab es Applaus und Zugaben.