Krefeld: Kurze Szenen, lakonisch und vieldeutig von Gerhard Rühm

Theater am Marienplatz : Erotische Pantomime und hintersinniger Humor

Das Theater am Marienplatz zeigt im Dezember „Minidramen“ von Gerhard Rühm.

Sie geht von rechts nach links. Er geht von links nach rechts. Sie ist angezogen, er ist nackt. Als sie einander schon passiert haben, drehen sie sich zueinander um. Ein kurzer Blick, sie gehen weiter – und damit ist das „Zweipersonenstück“ von Gerhard Rühm auch schon zu Ende.

Insgesamt 14 „aphoristische Szenen“ oder auch „Minidramen“ von Rühm zeigt das Theater am Marienplatz (Tam) in seinem Dezember-Programm, zur gut besuchten Premiere war auch der Autor aus Köln angereist.

Das Theater am Marienplatz (TAM), auch wenn das T verloren gegangen scheint, widmet sich in dieser Spielzeit dem Wiener Autoren Gerhard Rühm. Am Freitag feierte das Stück „Minidramen“ seine Premiere. Foto: Ja/Mark Mocnik

 Was passiert in diesem „Zweipersonenstück“? Nimmt die Frau – (UteSchäfer) die Nacktheit des Mannes (Björn Kiehne) überhaupt wahr, oder irritiert nicht vielmehr, dass sie nicht irritiert zu sein scheint. Der kurze Moment ist nur scheinbar eine Begegnung lediglich auf der Bühne, das Publikum ist durch den offenen Charakter des Geschehens gleich Teil des Spiels.

Im nächsten Februar wird der gebürtige Wiener Rühm 90 Jahre alt, er gehört im Tam, das sich der Avantgarde verpflichtet fühlt, seit Jahrzehnten zu den viel gespielten Autoren. Die aktuelle Spielzeit hat das Tam Rühm aus Anlass seines kommenden runden Geburtstags komplett gewidmet.

Gerhard Rühm ist kein
Vertreter des Mainstreams

Rühm ist Autor, bekannt als Vertreter der konkreten Poesie und Mitglied der Wiener Gruppe, aber auch studierter Musiker und Komponist und obendrein auch noch bildender Künstler. Er kann in allen drei Bereichen auf ein umfangreiches Werk zurückblicken und genießt unter Kennern einen legendären Ruf.

Aber er ist eben kein Vertreter des Mainstreams. Gleich zwölf der 14 Stücke, die Pit Therre jetzt mit dem siebenköpfigen Ensemble des Tam produziert hat, sind dann auch tatsächlich Uraufführungen, wurden also vorher noch nie gezeigt.

Der Abend beginnt mit dem Stück „Drei Personen wollen guter Laune sein“. Therre, Karsten Lehl und Nina Sträter sitzen an einem Tisch und erzählen sich Witze. Die sind von unterschiedlicher Qualität, aber man kann durchaus mitlachen. Dann wird ein erster Witz wiederholt, Therre, dem das widerfährt, muss den Tisch verlassen. Dann auch Sträter. Lehl bleibt übrig, die Szene versinkt im Dunkel. Man lernt: Witze vertragen keine Wiederholung.

In der Szene „Praktizierter Bibelspruch“ sagt Kiehne: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ „Ich hasse mich“, erwidert Stefan Hölker und streckt Kiehne zu Boden. Er folgt dem Gebot und widerspricht ihm zugleich, das ist schon ein wenig bösartig.

Die Tam-Schauspieler, alles bestens trainierte Laien, spielen Rühms Minidramen mit konsequenter Lakonie. Das tut den Stücken gut, sie würden jegliche theatrale Übertreibung nur schlecht vertragen.

Manche Szene kommt sowieso schon ohne Worte aus, so etwa die doppeldeutig benannte „Fallstudie“. In ihr lässt Gereon Bründt zwei Flaschen und zwei Blatt Papier fallen, dann setzt er sich und beginnt über sein „Experiment“ nachzudenken. Den fragenden Blick muss man gesehen haben.

Nur die „erotische Pantomime“ zum Schluss versteigt sich zu einer Eindeutigkeit, die für den Abend untypisch ist. In „Pygmalion und Galathea“, bekannt aus den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid, wird bekanntermaßen eine Frauenstatue (Schäfer) des Künstlers Pygmalion (Bründt) zum Leben erweckt. Dass die dies in Gang setzende Handlung bei Rühm und auch im Tam ein autoerotischer Akt des Mannes sein soll, ist eine dann doch ziemlich wohlfeile Banalisierung des antiken Mythos.

Insgesamt aber lohnt sich der Besuch des Minidramen-Abends im Tam für jeden, der einmal ungewöhnliche Theaterkost sehen möchte. Die meisten Szenen bieten trotz ihrer Kürze vielfältige Interpretationsmöglichkeiten und zeugen obendrein von hintersinnigem Humor.