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Krefeld – ein Lyrikabend mit Carolin Callies

Lesung : „Ich gerinne nicht zu Text“ – ein Lyrikabend mit Carolin Callies

Die Dichterin Carolin Callies untermalte ihre Lesung im Literaturhaus Krefeld mit Musik und überraschte damit ihre Zuhörer im Literaturhaus.

Damit haben die wenigen Besucher der Lesung von Carolin Callies nicht gerechnet: Die Autorin ließ einen Tontechniker des Kreschtheaters Musik abspielen und begann dazu, ihr Gedicht „Kleine Dramaturgie“ zu rezitieren. Zum 20-jährigen Bestehen hatte sich das Niederrheinische Literaturhaus Krefeld bewusst für einen Lyrikabend in seinen Räumlichkeiten entschieden. Seit 2013 gibt es dort die Veranstaltungsreihe „1 Gedicht“, mit der man zeitgenössischer Lyrik aus dem Rheinland ein Forum bieten möchte.

Geographisch passt da Callies (Jahrgang 1980) durchaus hinein, wenn man den Begriff etwas weiter fasst, als man es am Niederrhein üblicherweise zu tun geneigt ist. Sie stammt aus Ladenburg am Oberrhein. Callies lobte die Stadtbibliothek von Ladenburg: „Ich bin wohl die einzige, die in der Jugend den gesamten Lyrikbestand gelesen hat.“ 2015 erschien ihr erster Gedichtband „Fünf Sinne & nur ein Besteckkasten“ und in diesem Jahr der Band „Schatullen & Bredouillen“. Aus beiden Werken trug sie vor.

Mit einem guten Stampfgefühl wird es rund

Auch ohne einen musikalischen Klangteppich — die Kompositionen stammen von ihrem Ehemann — macht sie deutlich, dass viel Rhythmus in ihren Texten steckt, dass sie ihre Wörter auch danach auszuwählen scheint. „Wenn ich ein gutes Stampfgefühl kriege, ist es rund,“ so beurteilt sie ein gutes Gedicht.

„Ich gerinne nicht zu Text“ mehrfach wiederholt, scheint eine wichtige Aussage der Lyrikerin zu sein und eine vielleicht auch ungewöhnliche für eine Veranstaltung des Literarischen Sommers.

Mit dem Klang der Wörter spielte sie, schuf manches Mal witzige Assoziationen, manches Mal befremdliche, irritierende Aussagen. Mit ihrer Vortragsweise faszinierte sie, aber es war schwer, vielen Wortspielereien zu folgen, wenn sie nur einmal vorbeirauschten. Da war es unvorbereitet und ohne die Texte vor Augen nur möglich, Fragmente zu erfassen. Gab man dieses Bestreben auf, war es ein Genuss, sich dem Zusammenklang der beiden Ebenen hinzugeben, auf Entdeckungen einzulassen. Manche skurrile Formulierung erweckte Assoziationen an surrealistische Bilder eines Salvador Dali.

Wichtige Verständnishilfen bot Maren Jungclaus vom Literaturbüro NRW mit ihrer Moderation. Aus diesen lebendig geführten Gesprächen erfuhr das Publikum nicht nur Biographisches über die Lyrikerin, Verlagsbuchhändlerin und ihren Weg zur Dichtkunst.

Eine andere Wurzel ihres kreativen Schaffens liegt in der Märchenliteratur aus Kindertagen. „Mir macht es Spaß mit Versatzstücken zu arbeiten,“ gestand sie und lieferte als Beweis ihr Gedicht „Hänsel und Gretel“. Vertraute Motive und wichtige Wörter des Märchens tauchen darin auf, trotz merkwürdiger bis befremdlicher Zusammenhänge erkennt man sie wieder.

Nach ihrem ersten Block „Märchen“ bot sie im zweiten das Thema, das für die Lyrik eines der wichtigsten ist: die Liebe. Aber auch hier durfte man nicht das Übliche erwarten. Im letzten Block ihrer Lesung widmete sie sich dem Körper – „eine Art Raum, in dem wir leben“. Räume zu öffnen, ist ihr ein wichtiges Anliegen mit ihrem Schreiben.

Buchstäblich machte sie dies zum Abschluss, als sie sich einen Stapel Pappschächtelchen — Schatullen — vornahm und jedes der bunten Kästchen öffnete und ein kurzes Gedicht, einen Spruch, der auf einem Zettel dort drinnen lag, vortrug.

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