Krefeld: Daniel Weltlinger gastierte im Jazzkeller

Konzert : Die Reise einer Violine durch die Welt

Das Quartett des Geigers Daniel Weltlinger gastierte im Jazzkeller.

Dinge können nicht alleine reisen. Jemand muss sie mitnehmen. Wenn man aber zum Beispiel als Mensch jüdischen Glaubens vor einer aufgeheizten antisemitischen Stimmung in seinem Heimatland fliehen muss, denkt man da unbedingt an eine Violine als unverzichtbaren Gegenstand? Zoltan Fyszman (1902-1998) tat genau das. Im Jahr 1920 floh er zu Fuß aus Ungarn zunächst nach Österreich – mit seiner Geige. Und sein Enkel, Daniel Weltlinger, brachte sie jetzt 100 Jahre später mit in den Jazzkeller, um auf ihr und mit seinem Quartett musikalisch die Geschichte der langen Reise des Instruments und natürlich auch die des Großvaters zu erzählen.

Österreich war nicht der Endpunkt der Reise. Eine Zeitlang konnte es Fyszman in Frankreich ganz gut aushalten, der nächsten Station – bis die Nazis kamen. Es folgte die Flucht ins Spanien des Diktators Franco, Inhaftierung, Haft in Algerien. Dann kämpfte Fyszmann für den französischen Widerstand und für die britische Armee. Nach dem Krieg verschlug es ihn nach Casablanca, wo er seine Frau kennenlernte. Zusammen zog man schließlich nach Australien. Und die Geige? Überstand das alles unversehrt. Das ist schon erstaunlich.

Schließlich vermachte Fyszman seine Geige dem in Australien geborenen Enkel Daniel Weltlinger – und den ließ die Geschichte des Opas und seiner Geige nicht mehr los. Das kann man verstehen. Im ungarischen Szolnok wurde die Geige gebaut, der Opa geboren. „Szolnok“ hat Weltlinger das Album genannt, das er jetzt auf Einladung des Jazzklubs im Jazzkeller präsentierte.

Der Abend wurde dann eine musikalische Reise durch die Zeit. Gypsy-Jazz war zu hören, die Instrumentalversion eines alten französischen Chansons, gar die berühmte „Barkarole“ aus Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Die wird man im Jazzkeller zuvor wahrscheinlich noch nie live gehört haben. Die meisten Titel stammen aber aus der Feder von Weltlinger, der jetzt seit geraumer Zeit in Berlin lebt und von dort auch seine Mitmusiker mitgebacht hat. Das sind Uri Gincel am Klavier, Paul Kleber am Kontrabass und Peter Gall am Schlagzeug.

Weltlinger bediente seine Violine virtuos und bewies entsprechend der langen Zeit der Reise seine Versiertheit in vielen Stilistiken. Er improvisierte zu Beginn mehr akkordisch orientiert, später dann auch modal im Modern-Jazz-Stil. Aber er zitierte auch klassische Musik, baute Arabesken ein, ließ die Geige schwelgen und jammern oder die Töne in hektischen Jazz-Kaskaden fliegen.

Gincel, den man zuletzt 2015 mit seinem eigenen Trio in Krefeld hören konnte, hat sein Spiel verbessert. Vor fünf Jahren erschien dem Rezensenten Gincels Spiel noch zu „leichthändig perlend“, nun phrasierte er von Beginn an klarer, kantiger. Wenn Weltlinger vor allem im ersten Teil des Konzerts noch zu sehr schwelgte, baute Gincel hier schon moderner klingende Gegenwelten auf. Weltlingers Gypsy traf hier auf Neo-Bop, das erhöhte die Binnenspannung der Stücke ungemein – und geriet für die Musik insgesamt zum Vorteil.

Am Ende landete die Band schließlich komplett in der Moderne, nun ja, zumindest in der Jazz-Moderne. Das war eine ziemlich amtliche Version von John Coltranes Klassiker „Chronic Blues“ (1957), den die vier Herren da als Zugabe ablieferten, und das auch noch in einem ziemlich wahnwitzigen Tempo.

Viel Applaus für die Band im gut besuchten Jazzkeller. Dass die Musik für ein Jazzklub-Konzert ungewöhnlich konventionell ausfiel, änderte nichts an der Tatsache, dass man vier hervorragende Musiker erleben konnte – und dann gab es ja noch die bewegende Geschichte hinter der Musik.