Krefeld: Ballade mit besonderem Reiz

Aufführung : Grusel-Ballade mit Sandbildern

Das zweite Chorkonzert der Saison präsentiert „Die Geisterbraut“ von Antonin Dvorak in besonderer Form.

Gruselig geht es am Mittwochabend beim zweiten Chorkonzert der Saison 2018/19 im Seidenweberhaus zu. „Die Geisterbraut“ von Antonin Dvorak (1841-1901), Kantate für Soli, Chor und Orchester, steht auf dem Programm.

Es ist eine schaurige Geschichte, wie sie vielerorts seit „Urzeiten“ zu den Legenden und Sagen gehört: Ein junges Mädchen wartet jahrelang auf seinen verschollenen Geliebten. Er erscheint ihr schließlich als Höllenbräutigam und versucht, sie zu einer Mitternachtshochzeit auf dem Friedhof zu überreden. Es beginnt ein wilder Ritt durch modrige Sümpfe voller Geister und heulender Tiere. Das  Schauermärchen kommt zwar zu keinem guten Ende für die verhinderte Braut, aber der unerschütterliche christliche Glauben lässt die junge Frau wenigstens allen Geisterspuk überstehen.

Diese Gruselgeschichte hat der Prager Finanzbeamte und Sammler böhmischer Sagen,  Karel Jaromir Erben (1811-1870), aufgeschrieben, und Dvorak fasste sie 1884 im Auftrag des Birmingham Triennial Music Festival in Tonbilder für eine Chorballade.

Der besondere Reiz der Aufführung im Seidenweberhaus ist das Engagement der Künstlerin Anne Löper, die Sandbilder zu den Klangbildern entstehen lässt. Das Publikum kann diese  schöpferische Tätigkeit live auf einer großen Leinwand hinter den vielen Aktiven auf der Bühne verfolgen. Die Niederrheinischen Sinfoniker unter der Leitung von Generalmusikdirektor Mihkel Kütson stimmen musikalisch ein.

Eine Hand ist zu sehen, die die Bewegung in der Musik fortführt.  Linien aus feinen dunkelbraunen Sandströmen fließen auf einen hellen Untergrund, und daraus entsteht eine Landschaft mit Häusern und Pappeln. Es ist verblüffend, wie zielgenau Löper mit diesem ungewöhnlichen Medium malen kann.

Plötzlich kauert eine Frau im Bildvordergrund im Schutz eines Baumes. Doch nicht nur Statisches entsteht aus dem Fluss der Sandlinien. In gekonnten Schwüngen wirft Löper perfekt dosiert Sand über den Himmel in ihrem Bild, der sich so verdunkelt und unmissverständlich den Betrachter in die Dämmerung und anschließend die Nacht versetzt.

Zum ersten Einsatz des Niederrheinischen Konzertchors (Einstudierung: Michael Preiser) mit dem Textbeginn „Schon eilt die Uhr gen Mitternacht...“ lässt die Sandmalerin über der Nachtstimmung ein Medaillon der Jungfrau Maria mit ihrem Kind entstehen.

Selbst Licht und Schatten sowie eine räumliche Tiefe bringt Löper in ihre Sandbilder, und einen besonderen Reiz haben noch die Details, die sie mit beiden Händen gleichzeitig malt. Es ist ein seltenes Vergnügen und faszinierend, solch spontanen Schöpfungen zuzuschauen. Irgendwann wird dabei deutlich, dass der kreative Umgang mit Sand völlig von der dargebotenen Musik ablenkt, die lange eher wie eine Untermalung des „Sandfilms“ wirkt.

Der Gesang der drei Solisten Judith Spießer (Sopran), Kairschan Scholdybajew (Tenor) und dem Bariton Johannes Schwärsky sowie des Niederrheinischen Konzertchors arbeitet die Stimmungen in der Schauerballade anschaulich heraus.

Dass man den Texten kaum folgen kann, ist nicht unbedingt ein Mangel. „Auf klafft ein Hügel hohl und kraus, bebt eine Magd im Leichenhaus...“ und ähnlich pathetische, schwülstige Formulierungen kennzeichnen das Libretto.

Da mag man lieber die Aufführung als eine stimmungsvolle Märchenstunde verstehen, die in schönster Harmonie Sand- und Klangbilder verbindet. Mit einem langen Applaus bedankt sich das Publikum.

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