Klangkunst: Klang des Wiener Schubertparks

Klangkunst : Klang des Wiener Schubertparks

Kammerkonzert mit Antonia Petzs „Requiem an Schuberts Grab”.

Jedes Geräusch, das uns umgibt, kann, wenn wir es in Kontext setzen, bewusst auf es hören, ein ästhetisches Erlebnis sein. Die Idee wurde erst durch die Möglichkeit umsetzbar, Tonaufnahmen im Freien zu machen, diese in neuen Kontext setzend, etwa durch das Abspielen in einem Konzert, zu ästhetisieren. Seitdem gibt es immer wieder Komponisten, die mit dem Spiel des Alltagsklangs experimentieren. Mag man sich vielleicht auch dazu verführt sehen zu sagen: Nun ja, ein bisschen was im öffentlichen Raum aufnehmen und dann zusammenschneiden und einem Publikum vorspielen, das kann ich auch; aber Vorsicht, so einfach ist die Sache nicht. Es kommt eben darauf an, was man aus dem Material macht, wie sich das ganze schließlich zu einem Gesamterlebnis, einer ästhetischen Aussage zusammenfügt. Und es macht durchaus einen Unterschied, wo, wann und wieso man eine Aufnahme gemacht hat, hört man es dieser auf Anhieb auch nicht an.

Das Werk mischt Klänge aus einem Park mit Kammermusik

Die Grenzen zwischen Kunst und Musik sind in solchen Fällen fließend, oft ist mehr das Konzept, die Idee, der ästhetische Funke, der sich dann schließlich in einem Produkt entäußert. So auch im Fall Antonia Petzs Arbeit „Requiem an Schuberts Grab“, das nun nach der Uraufführung in Mönchengladbach auch in der Fabrik Heeder in der Reihe Die Herbstzeitlose – eine Kooperation zwischen Theater Krefeld/Mönchengladbach und Bunker Güdderath – zu erleben war. Die Idee dahinter ist sehr mitreißend, getüncht in eine Mischung aus Melancholie und gnadenloser Konfrontation von nostalgischer Rückschau und Realität.

Das Grab des Komponisten Franz Schubert befand sich seinerzeit auf einem Friedhof in Wien – der Währinger Ortsfriedhof außerhalb Wiens – der aber mit der Zeit von der Stadt umwuchert und schließlich zu einem Park umgewandelt wurde. Schubert wurde in den Zentralfriedhof umgebettet – ebenso wie Beethoven, der auch zuvor hier ruhte –, wenngleich die ursprünglichen Grabmale konserviert wurden. Petz hat sich dem Park akustisch genähert und so eine Art „Requiem“ mit Alltagsgeräuschen, die sie mit Fragmenten aus Schuberts Schaffen zusammengefügt hat, geschaffen.

Einzelnen Orten beziehungsweise Koordinaten – auch der Abstieg in die Tiefgarage – ordnete sie Teile der römisch-lateinischen Totenmesse zu. So hört das Publikum etwa Kinderlärm – wobei, können spielende Kinder Lärm machen – zum Tuba Mirum aus der Sequenz, dazu collagiert live gespielt ein Ausschnitt aus dem zweiten Satz von Schuberts Quartett „Der Tod und das Mädchen“ D 810. Man hört Starkregen und Gewitter, Ballspiele, streitende Menschen, Hunde oder auch das nasse Spiel am Hydranten. Jeweils mit kurzen kammermusikalischen Einschüben gespielt von einem Quartett (Anna Maria Brodka, Noh Yun Kwak, Violine, Laura Krause, Viola und Elke Höppner, Violoncello), fallweise gesungen von Bariton Rafael Bruck und schließlich von Sophie Witte mit dem Lied „Der Tod und das Mädchen“ D 531, das übrigens als Inspirationsquelle für das gleichnamige Quartett diente. Am Klavier begleitet von Erik Garcia Alvarez.

Durch die klangliche Begehung des Parks entsteht ein bisweilen frappierender Kontrast zu der düsteren und süßlich melancholischen Grundstimmung der musikalischen Bruchstücke; Leben und Tod, das lebendige Alltägliche mischt sich auf reizvolle Weise mit dem von Edelrost überwuchertem Memento Mori einer empathischen Auseinandersetzung mit dem Schicksal des früh verstorbenen Komponisten, mit dem Schicksal seiner Grabstätte, die dem Wachstum der Stadt zum Opfer fiel. Doch wiederum hat all das bei aller Reibungskraft etwas Tröstliches: Dort, wo Schubert einst seine ewige Ruhe fand, herrscht heute das bunte Leben.

Dank der durchaus stimmigen musikalischen Interpretation ein hochwertiger klangästhetischer Abend.

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