Kawai-Konzerte: Keine Gefühlsschwelgerei, aber Klangdesign

Kawai-Konzerte : Keine Gefühlsschwelgerei, aber Klangdesign

Der japanische Pianist Keigo Mukawa trat bei dem letzten Kawai-Konzert in diesem Jahr auf. Sein Spiel konnte nicht immer überzeugen.

Ein junger Pianist, 26 Jahre alt, ein hoffnungsvolles Talent, gab seine Visitenkarte ab. Im vollbesetzten Mönkemeyer-Saal der Krefelder Musikschule stellte sich Keigo Mukawa im Rahmen der Reihe „Kawai-Konzerte“ einem aufmerksamen Publikum. Sein Spiel hat viele Facetten, insbesondere seine rationale Herangehensweise beeindruckt die Zuhörer. Hellwach und durchaus analytisch erarbeitet er die differenzierten Klangfarbwerte, die lineare Transparenz der Stimmführung und die dynamische Bandbreite, von kraftvollen Eruptionen bis zu hauchzart getupften leisen Tönen.

Joseph Haydns „Variationen in f-Moll“ Hob XVII/6 begann Mukawa sehr akkurat. Jede Artikulation, jede Phrasierung, jede Trillerkette wurde, ganz im Sinne der klassischen Spielweise, achtsam und sehr präzise ausgeführt. Die farbenreiche Tongestaltung wirkte charmant, jede Variation erschien wie ein Unikat. Was man wohl vermisste, war die spontane Inspiration. Alles schien bis ins Letzte konstruktiv-rational geplant und kalkuliert.

Bei Frederic Chopins „Bolero in C-Dur“ op.19 setzte der Pianist auf Brillanz. Mit zügigem Tempo und brillanter Geläufigkeit versuchte er dem Werk gerecht zu werden, vergaß aber das romantische Lebensgefühl. Zu wenig Temperament, wenig emphatischer Ausdruckswille, sein Spiel klang sauber, aber emotionsarm. So wird man dem tänzerischen Gestus eines Boleros nicht gerecht.

Ganz anders zeigte sich Mukawa dann bei Franz Liszts „Ballade Nr. 2 in h-Moll“. Liszts Musik lebt von der Darstellung konkreter Bilder, seine Musik beschreibt Stimmungen und Emotionen. Der balladeske Beginn mit rauschenden Bassläufen ist tönende Sprache, Phrasierungen werden spannungsvoll gestaltet, virtuose Läufe wirken spektakulär, jede Klanggeste wird rational geformt und wirkt allein durch ihre formale Gestalt. Diese Art von Musik liegt dem Pianisten. Dem durchgestylten Liszt´schen Tonsatz entspricht das mit klarem Fingerspiel ausgespielte Stimmgeflecht. Mukawa erzählt und beschreibt mit Tönen eine Geschichte oder ein Bild, hervorgehobene Stimmen setzen sich nachdrücklich von zarten Begleitfiguren ab, mal entwickeln sich bombastische Akkorde zu einem Klangrausch, mal endet eine Phrase mit einem eindrucksvollen Pianissimo. Keine Gefühlsschwelgerei, aber gekonntes Klangdesign.

Der zweite Teil des Abends vertiefte den Eindruck. In Pierre Boulez´ „Incises“ wechselten virtuose Tonrepetitionen mit irrsinnig schnellen Tonkaskaden ab, räumliche Dimensionen von Ferne und Nähe, Höhe und Tiefe wurden spürbar. Bei Boulez stehen die abstrakten dissonanten Klänge ohne programmatische Aussage im Raum, der Zuhörer konsumiert nicht, sondern er nimmt aktiv am Klanggeschehen teil, indem er gefordert ist, sich sein eigenes „Bild“ zu erschaffen.

Finaler Höhepunkt des Abends war Maurice Ravels „Miroirs“ (Spiegelbilder). Tonmalerisch werden hier Bilder dargestellt oder zumindest angedeutet: ein nächtlicher Spuk, trauernde Vögel, eine Barke auf dem Ozean, ein Morgenständchen des Narren, das Tal der Glocken. Ravel war ein Meister der Imitation von Vogelstimmen, und er konnte das Wogen der Wellen darstellen, konnte Glockenklänge „produzieren“. Hier ist Mukawa in seinem Element, hier ist er ein Meister der Pianistik, mit deren Möglichkeiten er eben diese Bilder in Klang umsetzen kann. Und er ist ein Meister der leisen Töne. Wie er in „Une barque sur l´océan“ das vierfache Pianissimo zelebriert, zerbrechlich und doch kontrolliert, zeigt, welch pianistisches Potential in diesem jungen Nachwuchskünstler steckt.

Man darf durchaus gespannt sein, ob und wie er sich in der globalen Pianistenwelt durchsetzt. Ein gelungenes Fest endet oft mit einem Feuerwerk. Mukawa spielte als letzte Zugabe ebenfalls ein Feuerwerk, nämlich „Feux d´artifice“ von Claude Debussy.