Kawai-Konzert in Krefeld: Han Chen begeistert

Publikum begeistert : Vielseitiger Pianist löst Versprechen ein

Im vergangenen Jahr musste Han Chen seinen Auftritt bei den Kawai-Konzerten noch absagen – nun konnte er in Krefeld begeistern.

Als Pianist mit „anmutigem Anschlag, rhythmischer Präzision und hypnotischem Charme“ bezeichnet ihn eine Kritik in der New York Times. Dass dieses Lob nicht übertrieben ist, stellte der aus Taiwan stammende Pianist Han Chen jetzt beim ersten Kawai-Konzert nach der Sommerpause unter Beweis. Mit seinem Auftritt in Krefeld löste der 27-jährige Musiker auch ein Versprechen ein. Im vergangenen Jahr musste er sein Konzert hier kurzfristig absagen, versprach aber, das nachzuholen.

So kamen die Besucher am Freitag im gut gefüllten Helmut-Mönkemeyer-Saal der Musikschule in den Genuss eines wunderbaren Konzertabends. Für sein Programm hatte Han Chen drei Sonaten ausgewählt, die einen Bogen von der Romantik bis in die Gegenwart schlagen. Er begann den Abend mit dem jüngsten Werk, einer Sonate von Steven Stucky (1949-2016). Der amerikanische Komponist schrieb diese 2014, zwei Jahre vor seinem Tod. Dieses moderne Stück erwies sich als wenig sperrig und sehr gut hörbar.

Kurzes, eindrucksvolles
Werk zum Auftakt

Mit einzelnen Akkorden, die sich von tiefen in immer höhere Lagen vortasten, lotet das Werk viele Klangmöglichkeiten des Klaviers aus. Im Wechsel mit schnellen Läufen gibt es immer wieder expressive und kraftvolle Passagen. Dann stockt es wieder, wird leiser und zögernder, fast meditativ. Präzise und einfühlsam, aber auch blitzschnell die wechselnden Stimmungen vermittelnd, interpretiert Han Chen dieses kurze, eindrucksvolle Werk.

Ebenso blitzschnell meistert er auch den Wechsel zum nächsten Stück. Bei Franz Schuberts Klaviersonate in A-Dur kommt dann die Anmut zum Tragen, von der auch die begeisterte Kritik gesprochen hat. Nach den präzisen Schlägen des vorhergehenden Stücks, entlockt der Pianist dem Instrument jetzt Klänge von einem zart schwebenden Charakter. Bereits das Allegro moderato gleitet elegant dahin, eine innere Spannung hält alles perfekt zusammen. Für einen jungen Musiker erstaunlich reif, zeigt sich sein Spiel im Andante. Hier kommt die für Schubert so charakteristische leise Melancholie ganz wunderbar zum Ausdruck. Im letzten Satz gewinnt das Tänzerische Oberhand, verbinden sich Virtuosität und Gefühl aufs Beste. In der scheinbaren Leichtigkeit, mit der das vermittelt wird, zeigt sich das große Können des Pianisten. Bereits als 17-Jähriger verließ er seine Heimat und ging nach New York. Dort hat er schon seinen Bachelor- und Master gemacht und studiert jetzt für seine Promotion.

Technisches Können
und viel Einfühlsamkeit

Im zweiten Teil des Abends stellte er dann seine Vielseitigkeit mit einem weiteren Glanzstück unter Beweis. In der Klaviersonate Nr. 8 von Prokofiev konnte der Pianist dann seinen „hypnotischen Charme“ entfalten. Diese Sonate aus dem Spätwerk des Komponisten erfordert neben dem technischen Können auch Einfühlsamkeit, aber anders als bei Schubert. Han Chen erfüllt beides und lotet scheinbar mühelos den wechselhaften Charakter des Werkes aus. So wurde auch dieses Stück zu einem besonderen Hörerlebnis. Darüber hinaus zeichnet sich der Pianist durch ein Spiel aus, dass auf Showeffekte verzichtet. Er stellt sich ganz in den Dienst der Musik, was eine umso stärkere Wirkung nach sich zieht.

Beim begeisterten Publikum bedankte Han Chen sich mit einer längeren Zugabe von Maurice Ravel und zeigte damit noch eine weitere Facette seines großartigen Könnens.

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