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Kammerkonzert in Krefeld: Musik gespickt mit Tolstoi

Kammermusik : Musik gespickt mit Tolstoi

Erstes Kammerkonzert der Niederrheinischen Sinfoniker der Saison stand unter dem Motto: „Kreutzersonate“.

Musik der Wiener Klassik und der frühen Moderne kombiniert mit großer russischer Literatur: sehr gehaltvoll und umfangreich präsentierte sich das erste Kammerkonzert der Niederrheinischen Sinfoniker in dieser Saison. Durch Corona bedingt war auch der äußere Rahmen diesmal größer. Statt des Glasfoyers, dass einem Kammerkonzert einen gewissen intimen Rahmen verleiht, war die Veranstaltung in den großen Saal verlegt. Die Zuschauer wieder mit Abständen platziert, die Musiker auf der Vorderbühne vor dem eisernen Vorhang. Ein schwarzer Raum, der passend zum Thema für eine düstere, fast schon bedrückende Atmosphäre sorgte.

Das Programm rankte sich um Beethovens berühmte Kreutzersonate, die viele andere Künstler zu eigenen Werken inspiriert hat. Mit seiner gleichnamigen Novelle schrieb Leo Tolstoi im späten 19. Jahrhundert ein Stück Weltliteratur. Sein Text ist ein Psychogramm einer zerrütteten Ehe mit dramatischem tödlichen Ausgang. Ein Mann erzählt die ganze Geschichte seiner unglücklichen Ehe. Er verdächtigt seine Frau, ihn mit einem Musiker zu betrügen, mit dem sie gemeinsam die Kreutzersonate spielt. Er steigert sich so in eine Eifersucht hinein, dass er am Ende seine Frau umbringt. Von Tolstoi inspiriert, schuf Leos Janáček 1923 sein erstes Streichquartett, das einen anderen Umgang mit dem Stoff darstellt. Er stellt vor allem die Seelenqualen der Frau in den Mittelpunkt.

Mit großer Intensität
agierten die Musiker

Die Beethovensonate (Op. 47) ist dagegen ein virtuoses Stück der Wiener Klassik, voller Klangfülle und großem kompositorischem Einfallsreichtum. Für den Geiger Rodolphe Kreutzer, dem sie gewidmet ist, galt das Werk als unspielbar. Uraufgeführt hatte es 1803 der Geiger George Bridgetower, dem der launische Komponist es ursprünglich widmete. Für das jetzige Kammerkonzert hatten sich die Musiker eine besondere Verzahnung der beiden Musikstücke mit dem Tolstoi-Text ausgedacht. Den Anfang machte der erste Satz, der zwischen Adagio sostenuto und Presto durch eine Textpassage geteilt wurde. Dann folgten im Wechsel mit dem Text die Sätze eins, zwei und vier des Janáček-Streichquartetts. Dann kam wieder Beethoven mit den Sätzen zwei und drei. Das tödliche Ende der Novelle begleitete der emotional ergreifende dritte Streichquartett-Satz.

Diese Gegenüberstellung ist grundsätzlich keine schlechte Idee, aber der Fluss der Musik leidet etwas darunter. Die Tolstoi-Passagen trug Martin Börner vor, ebenfalls Mitglied der Sinfoniker. Sein Vortrag des hochdramatischen Textes blieb etwas blass. Mit großer Intensität agierten die Musiker, für die die Unterbrechungen sicher eine zusätzliche Herausforderung darstellten. Geiger Emir Imerov brillierte in einer Doppelfunktion. Er spielte Beethoven und Janáček gleichermaßen beeindruckend. In der Kreutzersonate hatte er mit Anton Gerzenberg einen verlässlichen Partner am Klavier. Gemeinsam mit Jovana Stojanovic-Logiewa (Violine), Natascha Krumik (Viola) und Silke Frantz (Violoncello) bildet Imerov das „Ardemus-Quartett“. Diese spielten eine einfühlsame und mitreißende Interpretation des Janáček-Stücks. Die unterschiedlichen Seelenzustände nahmen in der Musik sehr plastische Gestalt an. Trotz der für einen Sonntagvormittag reichhaltigen Kost war es ein besonderes Erlebnis, das auch dem Publikum sehr gefiel.