Jelinek — ein dickes Ding

Jelinek — ein dickes Ding

Mit „Wolken. Heim.“ feiert ein Stück der Nobelpreisträgerin am Mittwoch Premiere. Die Schauspieler agieren als zentnerschwere Sinnsucher.

Krefeld. Dramen von Elfriede Jelinek sind für Theatermacher eine spezielle Herausforderung. „Sie lässt alles weg, was man von einem Theaterstück erwartet“, sagt Dramaturg Martin Vöhringer. Es gibt keine Handlung und keinen Ort, nicht einmal Figuren. Die Literaturnobelpreisträgerin aus Österreich erschafft Textflächen, die nicht auf eine Bühne zu gehören scheinen. Dennoch nehmen sie dort oft fesselnde Formen an.

„Wolken. Heim.“ zum Beispiel ist 25 Jahre alt und landet noch immer auf den Spielplänen, oft mit Bezügen zum Nationalsozialismus: Claus Peymann etwa ließ 14 Schauspieler zu Jelineks Prosa den kollektiven Hitlergruß vollführen. Das war kurz nachdem die Provokateurin vom Nobelkomitee geadelt worden war.

Die 31-jährige Regisseurin Franziska Gramss, die das Stück heute als letzte Premiere der laufenden Spielzeit in der Fabrik Heeder vorstellt, hat eine ganz andere Lesart gefunden, bei ihr gibt es weder Hakenkreuze noch Nazi-Uniformen. Die Suche nach der deutschen Identität, die Jelinek in „Wolken. Heim.“ beschreibt, findet bei ihr in „Fat Suits“ statt.

In diesen Anzügen, die mit Styropor aus Sitzsäcken gefüllt sind, wirken die vier Schauspieler, als wögen sie mehrere Zentner. Wer Christopher Wintgens, Joachim Henschke, Ronny Tomiska und Adrian Linke mal in natura gesehen hat, ahnt: Das könnte einigermaßen witzig aussehen. „Warum sollten nicht auch Dicke schöne Gedanken haben?“, sagt Gramss dazu. Für sie bedeutet die Inszenierung in Krefeld eine Rückkehr der besonderen Art: Als Kind des ehemaligen Intendanten Eike Gramss ging sie in den Achtzigern am Theater ein und aus (siehe Interview unten).

Gramss und Vöhringer verstehen Jelineks Stück als „Sprachkonzert“. Dessen musikalische Untermalung liefert der Komponist Malte Giesen: Er hat viele unterschiedliche „Heimatklänge“ für die Inszenierung geschaffen: Allein in die ersten 20 Minuten hat er 120 verschiedene Samples eingebaut, die jeweils dem Sprachrhythmus Jelineks folgen. Genau diese Qualität hatte auch das Nobelkomitee in ihren Texten erkannt: Die Jury lobte damals ihren „musikalischen Fluss der Stimmen und Gegenstimmen“.

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