Jazz Poetry Session: Wüste Liebe und albanische Igel

Jazz Poetry Session: Wüste Liebe und albanische Igel

Musiker und Sprachkünstler fabulieren im Theater gemeinsam.

Krefeld. Wenn Ludwig II. auf eine Prinzessin trifft, die zuvor mit einer Fee in einer dunklen Straße eine kurze Affäre hatte, dann könnte man in jenem Orient gelandet sein, der nur zwei Jahreszeiten kennt: die Wüste und die Liebe. Wie bitte? Das Publikum staunte bei der ersten Jazz Poetry Session im Stadttheater über die unglaublichen Wendungen, die der in Wien lebende Sprachkünstler Christian Reiner und der Hannoveraner Slam-Poet Tobias Kunze ihren spontan erfundenen Geschichten geben können.

Der Jazzklub hatte zur Session geladen, John Dennis Renken an der Trompete und Christian Thomé (Schlagzeug) waren die Musiker. Da Kunzes Zug unpünktlich war, bestritt Reiner das erste Set alleine.

Er ist ein Stimmakrobat mit Sprecher-Ausbildung. Seine Fähigkeit, exakt zu artikulieren, zu singen, zu schreien, Geräusche von tiefem Grummeln bis hin zu hohem Fiepen nach Belieben erklingen zu lassen und all das komplex zu mischen und zu variieren, ist erstaunlich. Der klangliche Aspekt steht im Vordergrund. Text ist bei ihm eher Material, es handelt sich um dadaeske Sprachspiele oder absurde Geschichten. „Der Igel ist ein Haustier in Albanien.“ Aha.

Nach der Pause stieg Kunze ein und improvisierte mit den vom Publikum vorgegebenen Begriffen Hochwasser, Weihnachtsspeck und Teilkasko einen Rap — nicht ohne Witz. Bei ihm kommt es auch auf die Inhalte an, im Zusammenspiel mit Reiner dominierten dann eher dessen Klänge.

Zwischendurch aber gelang ihnen gemeinsam die eingangs zitierte Sequenz um Ludwig II. Dann war die Performance so intensiv, wie es Kunze — Peter Licht zitierend — benannte: „Alles hat drei Sekunden. Eine davor und eine dahinter und eine mittendrin: Das ist das Leben.“

Mittendrin waren jedenfalls auch die Sprecher, und zwar in jenen Klängen, die Renken und Thomé ihnen als Soundtrack anboten. Reiners Worte ließen sich musikalisch offener integrieren, Kunze brauchte als Rapper eher groovende Begleitung. Die Musik changierte folgerichtig zwischen frei und funky.

Herzlicher Applaus im Theater für ein über weite Strecken gelungenes Experiment.

Mehr von Westdeutsche Zeitung