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Ist das noch „Paint“ oder schon Kunst?

Ausstellung : Ist das noch „Paint“ oder schon Kunst?

Die heute 94-jährige Künstlerin Christel Schulte-Hanhardt schuf mit einem einfachen Malprogramm digitale Werke. Ihr Sohn vermarktet diese nun.

Franz-Josef Schulte, Krefeldern ein Begriff durch Schulte Design, durch seinen mit dem Denkmalschutzpreis der Stadt Krefeld gewürdigten Umbau der Alten Jacquard-Weberei, ist jetzt unter die Kunstberater gegangen. Auf der mit viel Liebe zum Effekt gestalteten Webseite „Art For Office“ bietet der Wahlberliner seine Dienste, ein Abo-Modell für Bilddrucke, hübsch präsentiert auf einer Edelstahlschiene und auch einen extensiven Online-Shop für den Erwerb der Drucke an. Was aber dort neben Fotografie von Franz Philipp angeboten wird, ist der eigentliche Grund, sich Schulte und seiner aktuellen Tätigkeit hier auf der Kulturseite zu widmen. Kunstberater – solche und solche – gibt es ja eh wie Sand am Meer und sind an sich nichts wirklich herausragend Ungewöhnliches.

Künstlerin studierte mit Mitte 50 Kunst in Düsseldorf

Die Geschichte, die wir hier erzählen wollen, geht aber über eine professionelle und durchaus großzügige Präsentation hinaus. Und was sich auch in der aktuellen Ausstellung (13. bis 26. September) in allen Räumen der Alten Jacquard-Weberei als Zwischennutzen auf eindrucksvolle Weise widerspiegelt. Aber nun zur Geschichte. Was Schulte da mit großem Aufwand und Herzblut nach allen Regeln der Vermarktungskunst vertreiben möchte, ist das außergewöhnliche Schaffen seiner Mutter, Christel Schulte-Hanhardt, Jahrgang 1926. Die heute 94-jährige Seniorin hat übrigens spät, mit 54, angefangen an der Kunstakademie Düsseldorf zu studieren und präsentierte ihre Kunst in zahlreichen Ausstellungen. Kunst, expressiv oft Papierinstallationen, die mit Gesichtern, archaischen Formen und einer erdigen Reinheit spielend durchaus viel Emotion transportieren.

Aber um diese Kunst geht es eben hier nicht. Denn 2005, die ersten Arbeiten dieser Art stammen aus 2006, fing Schulte-Hanhardt an, das eigentlich so simple und eher ungelenke Grafik-Programm „Paint“ in Windows für sich zu entdecken.

Ganz naiv zeichnete sie auf ihrem Laptop in einer neu entstandenen Schaffenswut über 1800 Zeichnungen über ungefähr zehn Jahre. Durch die beschränkten Mittel dieses Programms, mit einer direkten unmittelbaren Art der Verwendung, entstand ein Filter der Trivialität des Mediums durch den aber die Schöpfungskraft der Künstlerin hindurchscheint.

Sind die Bilder bisweilen arg verpixelt und wirken fast wie Kinderzeichnungen auf einem Tablet, sind sie auch oft offenkundig durch die Limitierungen der Software und des Umgangs mit dieser gezeichnet, präsentiert sich eine beachtliche ästhetische Bandbreite. Gesichter, immer wieder, Abstraktes, Figuren und Formen. Nicht selten wirken die digital entstandenen Arbeiten aber auch überraschend un-digital. Fast wie Pastelle, Scherenschnitte oder analog geschaffene Grafiken, manchmal sogar ein wenig wie Streetart, muten sie an; wären da nicht die Pixel, die durch die Software limitierte Oberfläche. In diesem Bruch jedoch steckt Reiz. Dabei sollte und muss man offen lassen, wie viel von der Meta-Ebene tatsächlich „Absicht“ ist. Dass die Arbeiten auf den Laptops – es waren zwei – nicht unbedingt für die Öffentlichkeit gedacht waren, bejaht Franz-Josef Schulte. Es sind intime Zeugnisse einer experimentierenden neugierigen Seniorin, die dabei tatsächlich eine eigene Art von Kunst für sich entdeckt hat – die indes natürlich in ähnlicher Form schon an anderer Stelle versucht worden ist.

Der Sohn hat aber nicht nur die digitale Arbeit der Mutter nun als Drucke, auch großformatig auf Textil oder als Video ausgestellt. Nicht zum ersten Mal, denn Exponate waren auch schon bei der Gemeinschaft Krefelder Künstler zu sehen. In imposanten Formaten, elegant in den Räumen der Alten Jacquard-Weberei unter dem Titel „Traumgesichter“ präsentiert er sie aber nun. Es gibt auch einen extensiven Katalog unter gleichem Titel, bei dem der Grafiker und Musiker Albin Meskes mitgewirkt hat, die Arbeiten sortierte, und zu der Ausstellung nun auch seine Musik beisteuerte. Die im Keller und im Obergeschoss die Räume beschallt. Übrigens: dort sind auch nicht-digitale Exponate der Künstlerin zu sehen.

Die Musik von Meskes Projekt „Robot City“ mutet ähnlich speziell an, wie auch die digitalen Paint-Bilder Schulte-Hanhardts. Denn seine Bearbeitungen von „klassischen“ Stücken, die auf aus dem Internet heruntergeladenen MIDI-Dateien beruhen, klingen schwer nach synthetischen Orchesterklängen aus den frühen 2000ern. Sind somit im Heute, scheinbar naiv und aus der Zeit gefallen. Doch auch hinter Meskes Synthie-Musik, nach dem noch früheren Vorbild eines Isao Tomita, der damals mit ganz anderen Mitteln etwa „Die Bilder einer Ausstellung“ nach Mussorgski neu vertonte, steckt mehr: Die Erfahrung des Synthie-Meisters der Band You, die er gemeinsam mit dem verstorbenen Udo Hanten hatte.

Sowohl bei der Musik als auch der digitalen Malerei lohnt ein Blick „dahinter“; das Davor bleibt in der ästhetischen Würdigung ambivalent – weil man nicht genau weiß, wie viel Absicht dahinter steckt. Aber ist das so wichtig?