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Interview mit Kuratorin Sabine Röder: „Beuys hat mich fasziniert“

Interview mit Kuratorin Sabine Röder: „Beuys hat mich fasziniert“

28 Jahre hat Sabine Röder an den Kunstmuseen gewirkt. Im Gespräch blickt sie zurück und nach vorn.

Krefeld. Als Joseph Beuys 1971 seinen berühmten Vortrag „Kunst = Mensch“ im Kaiser-Wilhelm-Museum hielt, saßen Sie als Schülerin mittendrin. Was ist Ihnen von diesem Abend in Erinnerung geblieben?

Sabine Röder: Ich war 17 Jahre alt. Ich weiß gar nicht mehr, warum wir dahin gegangen sind. Ich glaube, ein Freund wollte später mal in die Beuys-Klasse. Der Oberlichtsaal im Museum quoll über von Menschen. Wir waren so dreist und setzten uns unter die Tafel, an der Beuys seine Skizzen anfertigte, die sich heute noch in der Sammlung der Kunstmuseen befinden. Der Streit, der an diesem Abend entstand, ist mir gut in Erinnerung geblieben. Die Stimmung wurde immer aggressiver und steigerte sich langsam. Beuys als Person faszinierte mich, seinen Kunstbegriff und sein Demokratiemodell habe ich damals als Schülerin noch nicht verstanden.

Nach dem Studium kehrten Sie 1985 nach Krefeld zurück. Wie kam es dazu?

Röder: Das war eher ein Zufall. Ich hatte mich für eine Kuratorenstelle bei den Kunstmuseen beworben, weil ich mich für moderne und zeitgenössische Kunst interessierte. Und wer damals in einem Museum mit moderner Kunst arbeiten wollte, musste ins Rheinland gehen. Ich kannte die Kunstmuseen und ihre Ausrichtung, und mich reizte einfach das Museum. Die Kuratorenstelle erhielt ich zwar nicht, aber man bot mir ein einjähriges Volontariat an. Nach dieser Qualifizierung wollte ich eigentlich zurück nach Berlin.

Die Kunstmuseen haben seit ihrer Gründung stets Direktoren gehabt. War das Haus eine Männerdomäne, in der Sie sich behaupten mussten?

Röder: Ja und Nein. Die meisten leitenden Stellen in Museen waren damals von Männern besetzt. Die Frauen waren die promovierten Assistentinnen, an die hohe Ansprüche gestellt wurden, die aber in der Regel nur in untergeordneten Positionen angestellt waren. Bei mir war es eher ein Generationenproblem. Ich durfte direkt selbstständig arbeiten und kleine Ausstellungen kuratieren. Wenn ich als junge Frau den älteren Mitarbeitern bei einer Ausstellungsvorbereitung Aufträge erteilt habe, fiel es manchen schwer, sich darauf einzulassen. Das war schon sehr mühsam.

Zur Zeit des ehemaligen Direktors Paul Wember kam die Avantgarde nach Krefeld. Wie wirkte diese Phase nach?

Röder: Diese Zeit ist noch nicht vorbei und sie setzt sich bis heute fort. Der damalige Direktor, Gerhard Storck hat es weitergeführt, aber mit anderen Schwerpunkten wie Fotografen oder jungen Bildhauern wie Thomas Schütte. Als junger Direktor Mitte 30 stand Storck unter erheblichem spürbaren Druck. Er wollte das Niveau des Hauses halten, immer ein Ort der Avantgarde zu sein, um den Ruf des Museums nicht zu verspielen.

Welche Begegnung mit einem Künstler in Krefeld hat Sie am meisten beeindruckt?

Röder: Gerhard Richter, weil ich ihn immer trotz seines stetig wachsenden Ruhmes als sehr zurückhaltend, ja geradezu bescheiden erlebt habe. Ein Künstler, der es nicht nötig hat, sich selbst zu inszenieren.

Gibt es ein Ausstellungsvorhaben, das Sie gerne an den Kunstmuseen realisiert hätten, zu dem es aber nicht kam?

Röder: Konzipierte Ausstellungen wie beispielsweise über Druckgrafiken aus den 1960er-Jahren, die Parallelität von Minimal- und Pop-Art, kamen aus Kostengründen nicht zustande. Ich würde gerne über das Museum während der Zeit des Nationalsozialismus arbeiten, vielleicht mache ich das noch.

Sie ziehen nun nach Berlin. Worauf freuen Sie sich?

Röder: Ich freue mich, Zeit fürs Schreiben zu haben. Diese Möglichkeit, nach dem Frühstück in einen Text einsteigen zu können, empfinde ich als Luxus. Während der normalen Arbeitszeit bleibt kaum Zeit, konzentriert über mehrere Tage einen Text zu bearbeiten.