Interview mit Bastian Sick: „Man läuft Gefahr, überheblich zu wirken“

Interview mit Bastian Sick: „Man läuft Gefahr, überheblich zu wirken“

Der Sprachkritiker der Nation kommt nach Krefeld. Vorab redet er über seine Mission und seine Schwächen.

Krefeld. Herr Sick, bevor Sie Bestsellerautor wurden, waren Sie Schlussredakteur bei Spiegel Online. Das heißt, Sie haben die Inhalte der Kollegen vor der Veröffentlichung geprüft — ein unglamouröser Job. Sehnen Sie sich manchmal nach dieser anonymen Existenz?

Bastian Sick: Ich sehne mich nicht nach der Tätigkeit, aber sicherlich nach dieser Zeit im Leben. Immerhin war ich da noch 15 Jahre jünger.

Das klingt melancholisch.

Sick: Ich bin generell ein rückwärtsgewandter Mensch, das macht mich manchmal melancholisch und bringt mich auch nicht unbedingt weiter. Ich pflege die Erinnerung an meine Kindheit und Jugend und bewahre vieles auf: Briefe, Fotos, meine Comicsammlung. Ich habe sogar noch mein gesamtes Spielzeug.

Sind Sie ein Messie?

Sick: Sagen wir es so: Mir steht gerade ein Umzug bevor, und ich fluche ständig, was ich alles in diese Kartons wuchten muss. Es ist viel, aber es ist gut geordnet. Ordnung hat immer eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Bevor ich Schlussredakteur wurde, war ich vier Jahre im Bildarchiv des Spiegel, habe Fotos beschriftet und sortiert. Mir hat die Arbeit gefallen, auch wenn sie nicht glamourös war.

Es heißt, Ihr Chef sei auf Ihre Talente aufmerksam geworden. Wie ging das vor sich?

Sick: Ich habe irgendwann angefangen, redaktionsintern E-Mail zu verschicken, in denen ich allzu häufig gebrauchte Phrasen, Rechtschreibpannen und grammatische Tiefschläge ansprach.

So macht man sich bei den Kollegen nicht gerade beliebt.

Sick: Ich habe in den Mails nie irgendwelche Namen genannt, man brauchte sich den Schuh nur anzuziehen, wenn man wollte. Und ich habe mit Ironie und Witz gearbeitet statt mit ätzender Besserwisserei. Ich habe mit der Sprache gespielt, Wörter verdreht, Klischees überspitzt. Das kam ganz gut an. Irgendwann hat mein Chef angeregt, ich soll eine Kolumne schreiben.

Dennoch gibt es Kritiker, die Sie als Pedanten oder Besserwisser verunglimpfen. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Sick: Teilweise schon. Ich verstehe, dass in die Diskussion über gutes und besseres Deutsch immer ein gewisser Dünkel hineinspielt. Man läuft schnell Gefahr, auf andere überheblich zu wirken. Und wenn ich meine Leser einlade, über Fehler zu lachen, ist es oft auch ein Auslachen, denn irgendwer hat den Fehler schließlich verbockt. Aber bei mir wird niemand vorgeführt. Und den Vorwurf, ich würde mich gezielt über bildungsschwache Schichten oder Bürger mit Migrationshintergrund hermachen, muss ich zurückweisen.

Das hat zum Beispiel Claudius Seidl so formuliert — in einer Generalabrechnung, die noch heute unter den Top-Ten-Treffern Ihres Namens bei der Google-Suche auftaucht.

Sick: Viele Zeitungen geben Geld dafür aus, dass ihre Artikel in einer Google-Suchanzeige weit oben erscheinen. Was den von Ihnen genannten Artikel betrifft: Der Verfasser hatte meine „Dativ“-Bücher offenbar gar nicht gelesen, sonst hätte er gewusst, dass es darin vor allem um das Deutsch der Journalisten geht.

Und andere Kritiker?

Sick: Es gibt einige Menschen, die Probleme mit mir haben, auch wenn ich sie nicht einmal kenne. Interessanterweise sind das immer Männer. Das ist wohl das alte Spiel der Natur, wie bei den Hirschen oder den Seeelefanten, die natürliche Rivalität unter Geschlechtsgenossen. Frauen hingegen empfinden das, was ich mache, nicht als Experten-Geröhre, sondern als Literatur. Frauen lieben es, wenn Männer sie zum Lachen bringen — das scheine ich zu schaffen.

Ihre Bücher sind in erster Linie gute Unterhaltung. Wie viel Mission steckt dahinter?

Sick: Diese Frage stelle ich mir nie. Eine Mission hat man, wenn man von einer Sache besessen ist und auch andere dazu bringen will, die Dinge so zu sehen wie man selbst. Ich missioniere nicht, ich gebe lieber Ratschläge und Empfehlungen. Ich will schließlich nicht, dass alle so sprechen und schreiben wie ich. Das wäre das Ende der Vielfalt.

Was wollen Sie dann?

Sick: Es genügt mir völlig, Menschen zu unterhalten und davon leben zu können. Und darüber hinaus ist für mich der eine oder andere Lebenstraum in Erfüllung gegangen.

Welche Träume sind das?

Sick: Zum Beispiel durfte ich die Idole meiner Jugend kennenlernen. Die Sängerin Mireille Mathieu war meine erste große Liebe, die unglaubliche Kraft und Reinheit in ihrer Stimme hat mich als sechsjährigen Jungen verzaubert. 2008 habe ich sie persönlich kennengelernt. Seitdem gab es schon mehrere, sehr herzliche Wiedersehen.

Sie haben jetzt fünf Teile von „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ geschrieben, dazu zwei Teile „Happy Aua“. Sehen Sie ein natürliches Ende dieser Publikationswut?

Sick: Nächstes Jahr kommt der letzte Dativ-Band. Danach möchte ich ein lustiges Grammatikbuch schreiben, das Schülern erklärt, wie unsere Sprache funktioniert, mit dem sie lustvoll arbeiten können, bei dem sie kichern und lernen können.

Ihr Beruf bleibt also Sprachkritiker?

Sick: Ich habe mir das nicht ausgesucht, ich bin dazu gemacht worden. Ich folge dem Auftrag meiner Leser. Die Flut der Fragen und Fundstücke, die man mir schickt, reißt nicht ab.

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