Kaiser-Wilhelm-Museum: In Krefeld werden Klassik und Folklore gefeiert

Kaiser-Wilhelm-Museum : In Krefeld werden Klassik und Folklore gefeiert

In einer fulminanten Ausstellung zeigt das Kaiser-Wilhelm-Museum, wie vor hundert Jahren Volkskunst, klassische und naive Kunst einander inspirierten.

Mit der Ausstellung „Folklore & Avantgarde“ ist der Krefelder Museumschefin Katia Baudin eine großartige Ausstellung gelungen. Sie vereint die Hochkultur mit der Populärkultur, das Schamanentum mit dem Comic. Sie zeigte so viele Werke der klassischen Moderne, wie es sie noch nie in den Kunstmuseen Krefeld gegeben hat. Aber sie mischt sie mit den Erzählungen des Volkes, mit den Legenden, den Märchen, dem Kulturgut aus alten Zeiten. 250 Werke hat sie aus Europa und Amerika zusammengetragen und komponiert sie mit den eigenen Beständen des Hauses. Hut ab vor diesem Fleiß, diesem Eifer und dieser Neugier.

Als das Kaiser-Wilhelm-Museum die Avantgarde ins Haus holte

„Folklore & Avantgarde“ ereignet sich in zehn Sälen. Den Auftakt macht eine Rückschau auf die Anfänge des Hauses, das seit seiner Gründung im Jahr 1897 auf der Höhe der Zeit stand, den Werkbund ins Haus holte und generell zur Reformbewegung beitrug. All das geschah ja noch vor dem Bauhaus. Krefeld kann also auch ein bisschen auf sich selbst stolz sein, denn schon der Museumsgründer Friedrich Deneken paarte Design, Kunsthandwerk und Kunst. Sein Nachfolger Max Creutz sorgte dafür, dass die Design-Sammlung von Karl-Heinz Osthaus in die Seidenstadt kam. All das waren Pioniertaten.

Die Kultur des Niederrheins wie die Schätze aus Asien gaben sich in der damals noch reichen und selbstbewussten Stadt ein Stelldichein. 196 Wayang-Figuren liegen seit der berühmten Maskenausstellung von 1929 im Depot, einst ein Geschenk des indonesischen Königs. Johan Thorn Prikker und seine Freunde holten derlei Ornamente mitsamt den feurigen Farben nur zu gern in ihre eigenen Werke.

„Kostüme für das Ballett“ (1921) des Künstlers Michail Larionow sind auch zu sehen. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Es ist allgemein bekannt, dass die Maler und Bildhauer der Moderne die afrikanische und ozeanische Kunst in ihre Werke überführten. Aber diese Ausstellung am Joseph-Beuys-Platz beweist auf Schritt und Tritt, wie sie es taten. Für Künstler aus Russland spielten beispielsweise die Bildgeschichten der Lubki mit ihrer heidnischen und christlichen Ikonografie, mit ihren tierischen und menschlichen Zügen eine große Rolle, aber auch die Hinterglasbilder, die von Gabriele Münter nachgeahmt wurden. Gerade nach dem Ersten Weltkrieg muss es für Kazimir Malewitsch ein großes Vergnügen gewesen sein, eine dicke Bäuerin wie aus dem Kinderbuch zu malen, die den französischen Soldaten mit der Mistgabel aufspießt. Ihr gleich kommt ein bärtiger Bauer, der den deutschen Soldaten mitsamt Pickelhaube davonjagt.

Larionow, Kandinsky, Gontscharowa und Münter sammelten derlei Blätter und machten sie sich zu Nutze. Kandinsky lässt einen Reiter mit Trompete noch in seiner kostbaren, expressiven Malerei auftauchen. Heutzutage gelten diese Lubki als Vorläufer des Comics.

Die ukrainische Kuratorin vermittelt zur Tretjakow-Galerie

Elina Knorpp, eine in der Ukraine geborene Museumspädagogin, konnte als Ko-Kuratorin gewonnen werden. Das war wichtig, denn sie spricht Russisch und verhandelte etwa mit der Tretjakow-Galerie, damit die Volkskunst ausreisen durfte, als bestes Beispiel für den Neoprimitivismus von Künstlern wie Kandinsky und El Lissitzky.

Ausgewählte Plakate des Kaiser-Wilhelm-Museums von 1897 bis 1931. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Auf Schritt und Tritt begegnet man in dieser Schau Neuem. Wer kennt schon Niko Pirosmani, der sich als Haushaltshilfe, Schaffner und schließlich als Obdachloser durchs Leben schlug und mit Kneipenschildern und Gelegenheitsarbeiten seinen Unterhalt bestritt. 1912 wurde er von den russischen Futuristen entdeckt und 1916 wie ein Henri Rousseau hofiert. Doch zwei Jahre später war er an Unterernährung gestorben. Heute ist er mit seinen klaren, sehr beredten und zugleich volksnahen Bildern so etwas wie der georgische Nationalheilige der Kunst.

Natalia Gontscharowa war eine Kennerin der Ikonenmalerei und der russischen Volkskunst. Sie experimentierte mit dem Kubofuturismus und entwickelte gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Michail Larionow den Rayonismus. Ihre Bühnenbildvorschläge und Kostüme für Sergej Diaghilews Ballet Russe sind fast schon euphorisch in den Farben. Einen besonderen Schatz holten sich die Kuratorinnen aus dem Tanzmuseum in Stockholm, wo kostbarste Kostüme aufbewahrt werden, die Larionow nicht nur entwarf, sondern auch bemalte.

Natürlich werden auch die Designerinnen Sonia Delaunay und Sophie Taeuber-Arp präsentiert. Von ersterer wird das kürzlich erworbene Stoffmusterbuch mit den farbenfrohen Textilfarben gezeigt. Von Taeuber-Arp besticht das Puppenspiel für das Theater Stadelhofen in Zürich mit Truffaldino, Clarissa und weiteren Figuren aus Papier und Pappe.

Erstmals hält die amerikanische Volkskunst Einzug ins Rheinland

Ein weiteres Neuland, zumindest für hiesige Kunstgänger, ist der amerikanische Raum. Museumschefin Katia Baudin ist in Amerika aufgewachsen, sie kennt sich in der Moderne und der damit verbundenen Naiven- oder Laienkunst bestens aus. So bekam sie über das amerikanische Folk Art Museum einen großen, dekorativen Quilt mit Whig-Rosenmotiv sowie Gemälde des gebürtigen Polen Morris Hirshfield, des wichtigsten „Primitiven“ in der Mitte des letzten Jahrhunderts in den USA.

Man kann über Details der Schau schwärmen, etwa über die Schamanentrommel aus dem hohen Norden, eine Leihgabe aus dem Grassi-Museum in Leipzig, von der sich Kandinsky so sehr inspirieren ließ, dass er den fremden Kürzeln in seinen eigenen Abstraktionen nacheiferte. Sogar die jüdische Avantgarde kommt ins Bild, die am Ende des Zarenregimes zu einer kulturellen Öffnung des Landes führte und damit zu einer ersten Blüte in der Kunst von Marc Chagall und El Lissitzky, die zauberhafte Kinderbücher illustrierten.

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