Im Krefelder Tam wird ohne Orchester dirigiert

KUNST : Dirigieren als Trockenübung

Im Theater am Marienplatz treten im Oktober Dirigenten ohne Orchester auf.

Noch nicht mal mit Taktstock. Nun, gut. Man kann auch mit bloßen Händen dirigieren. Im Theater am Marienplatz (Tam) gibt es im Oktober Dirigate ohne Orchester, also auch ohne hörbare Musik zu bewundern. Drei Mitglieder des Ensembles stellen sich vor das Publikum, als wäre es ein Orchester, und legen los. Verbeugt wird sich konsequenterweise in die andere Richtung, dahin, wo dann das imaginäre Publikum säße. „In quelle direzione“ („In welche Richtung“) nennt sich das Schaustück, das im Untertitel als „sichtbare Musik“ gekennzeichnet ist.

Bei der Premiere musste man auf den dritten Akteur verzichten, Karsten Lehl war verhindert. Aber das Hintereinander von Alfred Pollmann und Tam-Hausherr Pit Therre bot noch genügend Anschauungsstoff. Die beiden Dirigenten beziehungsweise Dirigentendarsteller agierten sehr unterschiedlich.

Die Taktarten waren
zu erkennen, die Tempi ebenfalls

Pollmann legte sich Noten aufs Pult, um welche Stücke es sich handelte, war aber nicht zu erkennen. Anscheinend arbeitete er sich dann sehr naturalistisch an den Vorgaben ab. Mal mit, mal ohne Brille – also wahrscheinlich auswendig, haha. Im Mittelteil wurde offenbar nicht nur ein Orchester, sondern auch oder nur ein Chor dirigiert. In diesem Mittelteil formten Pollmanns Lippen Gesang nach. Chordirigenten singen gerne stumm mit.

Das gestische Dirigier-Vokabular, das Pollmann darbot, war reichhaltig. Die Taktarten waren zu erkennen, die Tempi ebenfalls. Pausen und Rubato-Stellen waren auch leicht auszumachen. Man kann hier nicht alles aufzählen. Phrasierungsvorgaben waren sicher auch enthalten, die aber der Rezensent nicht kennt, allenfalls erahnen konnte. Dass Pollmann Musik studiert und sicher auch schon dirigiert hat, legt jedenfalls die Vermutung nahe, dass seine Trockenübung nicht willkürlich war.

Auch Tam-Hausherr Pit Therre hat Musik studiert, doch legte er sein Dirigat offensichtlicher als Scheindirigat an. Mit anderen Worten, er agierte ohne Noten und mehr schauspielerisch. Er nutzte das, um mimisch auch Emotionen zu transportieren und durch das Hinter- oder auch Miteinander von gegensätzlichen gestischen Botschaften ironische Brechungen einzubauen.

So wendete er sich zum Beispiel theatralisch hin und her, als wolle er einzelne Musiker verschiedener Instrumentengruppen im Wechsel instruieren, was ein relativ unwahrscheinlicher Fall ist. Zum Schluss gab er mehrfach hintereinander die Aufforderung für alle, das gerade Gespielte in hoher Lautstärke zu halten, versank aber paradoxerweise dabei immer mehr in der Endstellung einer Verbeugung.

Der Gegensatz der vermeintlich naturalistischen Darstellung Pollmanns zur pointiert schauspielerischen Darbietung Therres machte die Premiere zu einem unterhaltsamen Abend.

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