Konzert: Heimspiel, Kneten und ein bisschen Dada

Konzert : Heimspiel, Kneten und ein bisschen Dada

Bei dem zweiten Sinfoniekonzert im Seidenweberhaus gab es viel zu entdecken. Vor allem aber auch leidenschaftliche Musik.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass einem Symphonie-Konzert im Seidenweberhaus ein schräg-deftiges Gedicht mit würzigem berlinerischem Sprech vorangestellt wird. Doch das durchaus dadaistische Poem, in dem Worte wie ironisch aufgeladenes politisches Juckpulver wirken und das schallend durch die Lautsprecher des Saals hallt – bei völlig verdunkeltem Raum – ist kein willkürlicher Jux, um mal etwas Überraschendes zu machen.

Die Worte sind der gesprochene Prolog zu Erwin Schulhoffs „Suite für Kammerorchester“ aus dem Jahr 1921. Der gebürtige Prager Schulhoff, der übrigens 1942 in einem Internierungslager bei Weißenstadt ums Leben kam, schrieb dieses Werk in einer Aura, die den Hörer schnurstracks in die Klangwelt der 20er-Jahre mitzieht, in eine Welt, die um den Tanz auf dem Vulkan kreist zwischen gesellschaftlicher Freiheit und Not, zwischen sozialem Umbruch und drohendem Wandel, zwischen Tradition und Dada, Avantgarde und Jazz. Dabei changiert die Musik, die mit den Satztiteln Ragtime, Valse Boston, Tango, Shimmy, Step oder Jazz versehen ist, zwischen beschwingter Leichtigkeit, bissigem Humor, ist aber trotz des durchaus experimentierfreudigen Zugangs, eigentlich musikalisch für die Zeit gar nicht so revolutionär.

Die Niederrheinischen Sinfoniker unter Generalmusikdirektor Mihkel Kütson verliehen der bisweilen mit so mancher kleinen Tücke angespitzten Partitur eine passende spritzige, bisweilen dem Duktus angepasst doppelbödige Note. Dabei blieb man in angepasster Besetzung leger, in einem Plauderton, den man erst einmal so verklanglichen können muss. In Schulhoffs Werk konnten auch ganz explizit die Schlagwerker der Sinfoniker auftrumpfen. Dass sich bisweilen eine etwas rauchige, nennen wir es vielleicht unscharfe Note beimischte, passte hier trefflich.

Solist des Abends war Konzertmeister Philipp Wenger

Das nur wenige Jahre zuvor entstandene Violinkonzert Nr. 1 op. 19 von Prokofjew fordert zeitgleich eine fast schon mechanische Präzision, ein blitzschnelles Umschalten zwischen lyrischer Sanftheit, die aber bei Prokofjew nie auf die leichte Schulter genommen werden darf und der für ihn so charakteristischen Kraft. Hier müssen das Orchester und der Solist perfekt aufeinander hören. Die raffinierte, sehr eigenwillige Instrumentation braucht über das rein musikalische auch eine Art psychische Verbindung zwischen den Musikern, vor allem wenn sich Instrumente auf fast magische Weise miteinander zu einem neuen Mischklang verbinden, die sonst weniger kombiniert werden. Struktur zu Textur, Textur wiederum zur Fläche wird. Die Harmonik, die inneren Beziehungen zwischen den klanglichen Linien, seiner Musik – die immer kurz davor zu stehen scheint wie ein Pendel auf die andere Seite zu schwenken –, die von einer simplen Eleganz getragene melodische Erfindungsgabe, ist aber auch zerbrechlich.

Für den Solisten, den Ersten Konzertmeister der Sinfoniker Philipp Wenger, war es ein Heimspiel – man spürte in jedem Augenblick, dass der unprätentiös mit großer Ernsthaftigkeit dem Werk dienende Geiger mit dem Orchester zusammengewachsen ist, eine Einheit bildet. Man spürte in jedem Moment, wie homogen die Klangvorstellungen zwischen Orchester – Konzertmeisterin an diesem Abend war Chisato Yamamoto – und Solist harmonieren. Doch dadurch fehlte es bisweilen auch an funkensprühender Spannung.

Kütson lenkte das Orchester mit seiner ihm eigenen Art, die gerne einzelne Details ins Schlaglicht zieht, ansonsten eher Dinge auch laufen lässt. Ein fescher Prokofjew, bei dem aber hin und wieder etwas mehr Exzentrik wünschenswert gewesen wäre. Denn diese Musik muss schlussendlich – wenn man es mal etwas bildhaft beschreiben möchte – vielleicht klingen wie eine Mischung aus einem sowjetischen Dieselmotor, der einmal laufend nicht mehr aufzuhalten ist, einer samtenen zaristischen Stofftapete in einer Datscha, einem sanften aber mächtigen russischen Fluss, dem luftigen Spiel der Schneeflocken über den Wipfeln der Taiga und dem Dorfclown, der melancholisch aus dem vereisten Fenster blickt.

Diese Spannung, die man vielleicht ein wenig bei dem aber durchaus feinsinnig interpretiertem Prokofjew vermissen mochte, knetete Kütson – wenn er die Musik in der Luft mit bloßen Händen zu formen scheint, wie ein guter Bäcker, ist er am besten – indes in jede Pore von Tschaikowskys Sinfonie „Manfred“ op. 58.

Die nicht enden wollende Sinfonie nach der dramatischen Dichtung von Lord Byron vereint all das, was die Verehrer von Tschaikowskys Musik so an seinem Werk schätzen, aber auch das, was manche vielleicht als weniger gelungen in seinem Euvre erachten mögen. Wunderbare instrumentierte Klangträume, leidenschaftliche Phrasen und ein Individualstil, der von tiefen Brüchen, Zurückschrecken, Aufbäumen und Sehnsucht zerfurcht ist. Doch arbeitet diese Musik zeitgleich auch mit recht trivialen motivischen Zutaten, die bisweilen den klanglichen Mantel, in dem sie gehüllt werden, gar nicht so recht tragen können.

Darf man sich kritisch über Qualitäten von Komponisten dieses Kalibers überhaupt äußern? Ist das nicht ein Sakrileg? Nun, eigentlich sollte man sich immer wieder dazu ermuntern lassen, auch große Komponisten und ihre Werke kritisch zu hinterfragen. Dies hier zu erwähnen ist auch deshalb so essentiell, da just diese Sinfonie von Orchester und Dirigent ein Gespür für die innere Dramatik verlangt, für den breiten Pinsel und eine gewisse Gutmütigkeit gegenüber so manchem strukturell lichten Moment, so mancher Länge und auch mal etwas banalen musikalischen Linie. Doch genau das tun die Sinfoniker, tut Kütson, der vorteilhafte Tempi wählt, die durchaus vorhandenen guten Seiten dieses Werkes in das Licht stellt. Hierbei kann er sich auf den romantisch geschulten Klang seines Orchester verlassen. Ein schöner – vor allem vielseitiger – Abend.

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