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Fußball als Buchstabensalat

Fußball als Buchstabensalat

Klaus Hansen ist Professor, Fan des MSV Duisburg und Dichter. Sein zweites Buch mit absurder Fußballpoesie ist nun erschienen.

Krefeld. Im Trophäenschrank des MSV Duisburg ist noch viel Platz: Vizemeister 1964, viermal fast Pokalsieger, einmal im Halbfinale des Uefa-Cups. Wer Fan dieses Vereins ist, der braucht Humor — als Überlebensstrategie, Hilfe in der Not und, im Fall von Klaus Hansen, als kreative Kraft.

Der Professor an der Hochschule Niederrhein, seit 50 Jahren glühender MSV-Fan, hat gerade sein zweites Buch mit „experimenteller Fußballpoesie“ vorgelegt. In „Jedem Anpfiff wohnt ein Zauber inne“ arrangiert er seine Gedichte über die wichtigste Nebensache der Welt zu absurden Buchstabensalaten und philosophischen Wortbildern, visuellen Tiraden und Liebeserklärungen.

Dabei trifft er den Kern des Spiels mit einer Sicherheit wie sonst nur Robert Lewandowski das Tor der Madrilenen. Etwa, wenn Hansen es auf einer Anzeigetafel 1:2 stehen lässt: Für die Heimmannschaft hat „Hoffmann“ getroffen, für den Gast zweimal ein Spieler namens „Arschloch“. So empfinden Fans auf der Tribüne. Auch den Akteuren schaut er genau aufs Maul: Unter der Überschrift „Ein Mann geht seinen Weg“ lässt er Abwehrspieler Jerome Boateng eine Frage beantworten: „Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht Fußballer geworden wären?“ Antwort: „Fußballer.“

Den Ursprung solcher Gedankenspiele findet Klaus Hansen direkt an der Quelle. „Ich höre genau zu, was Trainer, Spieler und Funktionäre sagen.“ Auch im Stadion sammelt er Eindrücke und Schnipsel: „Da hat man oft das Glück, bei der Erfindung eines Spruchs dabei zu sein. Man ist Teil einer produktiven Masse.“

Seit den Anfängen der Bundesliga im Jahr 1963 geht Hansen zu den Spielen seines MSV. Die Heimspiele, die er in diesen fünf Jahrzehnten versäumt hat, lassen sich an einer Hand abzählen, sagt er. Urlaube und Termine wurden stets rund um den Spielplan arrangiert. Er ging mit seinem Club sogar in die Dritte Liga, bis ins Karl-Knipprath-Stadion Jülich.

Seine Liebe zum Spiel hat dabei nicht gelitten. Ihn fasziniert dessen „Widerstandskraft gegen die Perfektion“, in Duisburg wie im Camp Nou, sogar bei den Über-Bayern. „Der Fußball ist voller abstruser Regelungen der Selbsterschwerung“, sagt Hansen. „Füße können nun mal keine elastischen Körper beherrschen.“ Der Faktor Zufall sei dem Spiel nie zu nehmen: „Ein versprungener Ball kann ein ganzes Spiel entscheiden.“

Technischen Neuerungen, wie sie immer wieder diskutiert werden, steht Hansen deshalb skeptisch gegenüber: „Der Fußball lebt von menschlicher Schwäche. Wenn bald ein Mechanismus entscheidet, können wir unsere Wut nicht mehr beim Schiri abladen. Das wäre doch schade.“

Nicht nur in dieser Hinsicht ist Hansen bekennender Fußball-Romantiker. Die Kommerzialisierung des Sports nervt ihn ebenso wie die Ultras mit ihrem „gnadenlos gleichförmigen Gesang“. Dass er auch dem sinnfreien Kampf der Polizei gegen vermeintliche Gewalttäter nicht viel abgewinnen kann, lässt er in einem seiner Gedichte durchblicken: „Tausend Bullen / sind pro Spiel / ziemlich knapp bemessen: / Denkt auch an den Vip-Bereich! / Wieviel Schurken sitzen weich / Dort bei gutem Essen!“

Hansen selbst wäre in diesen Logen nie im Leben anzutreffen. Der Mann steht aus Überzeugung („Sitzen ist für’n Arsch.“), und die Menschen um ihn herum ahnen nichts von seiner literarischen Passion. „Es wäre mir sehr peinlich, denen meine Gedichte zu zeigen“, gibt der Professor zu. „Die hätten vermutlich keinen Sinn für Fußballpoesie.“