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Fritz Huhnen, der Schriftsteller und Illustrator

Serie : Huhnen, der Schriftsteller und Illustrator

Stadtarchiv-Direktor Olaf Richter widmet sich dem Leben und Werk Fritz Huhnens. Ergänzt durch Anekdoten von Sybille Forster-Rentmeister. Zweiter Teil: Huhnen, der Schriftsteller und Illustrator.

Fritz Huhnen, der Krefelder Bühnenbildner und Künstler – um den sich, wie einst in einer Zeitung zu lesen stand, „ganz Krefeld drehte und mit dem, wenn er auftrat ‚die Sonne aufging‘“ – war nicht zuletzt auch Schriftsteller, brillanter Erzähler und ein journalistischer Zeichner, der seine kurzweiligen Text- und Bildergeschichten zum Krefelder Stadtgeschehen über viele Jahrzehnte in jeder Samstagsausgabe der WZ darbot. Solchen Bildergeschichten kam in einer Zeit, in welcher Zeitungsfotos noch nicht so häufig wie heutzutage abgedruckt wurden, ein besonderer Wert zu.

Rund 1400 Geschichten

Eine Auswahl aus den rund 1400 publizierten Geschichten wurde 1973 in einem eigenständigen Buch veröffentlicht. Im Vorwort notierte der Krefelder Grafiker und Maler Ernst Hoff, dass für Huhnens Zeichnungen „das erkennbar ‚Hingeworfene‘“ und die „haarscharf gezielten Linien“ charakteristisch seien. Die Personen, so Hoff, sind meist zu Gruppen zusammengefasst und der Ort der Handlung wird nur angedeutet; weitere Illustrationen fehlen. „Die Figuren äußern sich nicht in direkter Rede, sie sind stumm, es spricht für sie Fritz Huhnen, der Spielleiter. Er hat für die lächerlichsten Banalitäten lokalen Geschehens die Heroen der Geschichte, die Zitate der Klassiker zur Hand. Dabei wahrt er stets den Ton hochbedeutsamer Ernsthaftigkeit, auch als vox populi im herben Krefelder Idiom.“

Zu den Krefeldern, die sich an solcher Wochenendlektüre erfreuten, zählte auch der Beigeordnete Professor Walter Hermann. 1964, bei seinem Ausscheiden aus dem Amt, schrieb er: „Lieber Herr Huhnen! Sie haben mich mit Ihrer freundlichen Karikatur durch mein nicht immer einfaches kommunales Amt geleitet. Sie wussten mit Ihrer Kritik das Liebenswerte, das Erhebende zu verbinden, so dass Sie nie verletzten, sondern durch ernsten Humor gelegentlich förderten. Ich weiß, dass eine solche Kunst auf der Grundlage eigenen Leides wächst, und das ist wohl die höchste Auszeichnung, die ein Mensch in dieser Welt erfahren kann.“

Mitunter stand der illustrierende Auftrag im Vordergrund, etwa 1923, als Huhnen die 24-seitige Erzählung „Hop Frog“ von Edgar Allen Poe illustrierte, was ganz in der Tradition mittelalterlicher Buchmalerei steht. Oder bei der Mitarbeit an der Krefelder Ausgabe der Reisezeitschrift „Merian“ (1956) und der Monatsschrift „Karussell“, die zu den bedeutendsten Literaturzeitschriften der Nachkriegsjahre zählt. Nicht zu vergessen sind die Bebilderungen zu Morgensterns „Palmström“, Kafkas „Verwandlung“ und Gogols „Mantel“, allesamt in den 1970er Jahren im Krefelder Düsselberg-Verlag erschienen. 1951 trug Huhnen für die Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum seiner Schule, des heutigen Hannah-Arendt-Gymnasiums, in klassischen Hexametern seine geistvolle „Teichoskopie“ bei, welcher Titel im Griechischen so viel wie „Mauerschau“ bedeutet.

 Arbeit von Fritz Huhnen: „PAX Krefeld-Uerdingen“.
Arbeit von Fritz Huhnen: „PAX Krefeld-Uerdingen“. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Westdeutsche Zeitung (vom 14.4. 1962)

Huhnen und Eugen d’ Albert

Daneben seien Fritz Huhnens Wortbeiträge nicht vergessen. Im April 1954 berichtete er in der WZ über zwei Auftritte des berühmten Komponisten und Dirigenten Eugen d’ Albert, dessen Kompositionen und Opern wie „Tiefland“ und „Die toten Augen“ heute in Vergessenheit gekommen sind. Eugen d’ Albert ist in den Jahren 1917 und 1922 zweimal in Krefeld aufgetreten. Der Artikel gibt die schriftstellerische Brillanz seines Autors wieder, weshalb hier ausführlicher zitiert werden soll: „In diesen Tagen schickt sich die musikalische Welt an, des 90. Geburtstages von Eugen d‘ Albert zu gedenken. Nur wenige unter uns haben den wundertätigen Magus auf der Höhe seines Ruhmes, als den unvergleichlichen Interpreten von Bach, Beethoven, Chopin etutti quanti erlebt. Der Komponist d‘ Albert – sein ‚Tiefland‘ war meine erste Oper, auf der Galerie im alten Theater auf der Rheinstraße, anno 1912, – ist uns heute gegenwärtiger. Doch ebenso zeitnah ist die Legende seines Lebens. Inkarnation bürgerlicher Wunschträume der Jahrhundertwende, verdämmerndes Abendrot einer Aera, die in der reproduzierenden Künstlerpersönlichkeit das höchste Glück der Erdenkinder sah, eine Zeit, die mit den Schüssen von Sarajewo zu Ende ging. . . . Als d’ Albert zum letzten Mal seine Visitenkarte in Krefeld abgab – es war dies am 22. Dezember 1922– hatte Krefeld belgische Besatzung. Der Winter war streng, die Kohlen knapp und die Mark im Fallen – tief nach unten.“

Der Auftritt fand in der Königsburg statt: „Die war verwahrlost, spinnwebig und verstaubt bis unters Plafond, mehr Katakombe denn Konzertsaal. Natürlich ungeheizt, die Bestuhlung: dass Gott erbarm, und der Straßenlärm drang durch. Trüb brannten die Lampen im Saalschlauch. Das Auditorium hatte auf Garderobeabgabe verzichtet, harrte in Pelz und Mänteln der kommenden Dinge. Wie ein gereizter Löwe trat d‘ Albert, gleichfalls im Pelzmantel, an den gleich seinem Bändiger verstimmten Flügel. Bei Bachs chromatischer Fantasie und Fuge wärmte er sich die Hände. Dann spielte er – gleichsam als Reverenz vor der im Sturmschritt laufenden Inflation, Beethovens ‚Wut um den verlorenen Groschen‘! Das war schon mehr ein Toben und beim folgenden Cis-moll Nokturno von Chopin flüsterten die Leute: Gott, muss der böse sein. ... Eine Zugabe folgte der anderen, und, wie diesmal gespielt! Ein anderer schien jetzt da oben zu sitzen . . . Klangvisionen von unvergleichlicher makelloser Schönheit“ konnten die Zuhörer genießen. „Das war der d’ Albert, dem sein Lehrer und Meister Franz Liszt gesagt hatte: ‚Wär ich doch jünger, mein Sohn, um mich mit dir zu messen‘. ... Der Dämon hatte ihn gepackt, wie mit einem Zauberstab hatte er alle angerührt.“

Fritz Huhnen hatte am nächsten Morgen, vermittelt durch einen Freund die Gelegenheit, d‘ Albert persönlich kennenzulernen. Beide holten ihn am Krefelder Hof ab. „Knurrend schob er sein Honorar, das dicke Geldpaket, an dem die Inflationsratten schon nagten, in seinen Pelz. Wir gingen zum Café Bongertz. Was für Prag das Café Arco, für Rom das Café Greco, das war für Krefeld Café Bongertz: Treffpunkt der Bohème. Wer irgendwie von der Muse angerührt war oder gar in ihrem Dienst stand, lenkte seine Schritte dorthin. Hier saß man von früh bis spät, spielte Schach, diskutierte, randalierte, techtelmechtelte mit kleinen Mädchen, ließ bei der dicken Aenne anschreiben, wenn das Geld nicht langte“.

Beim Frühstück mit D‘ Albert hatte Fritz Huhnen nun, wie er schrieb, „genügend Muße, das gewaltige Stirnmassiv, die prachtvolle Wölbung über den buschigen Brauen und die energiegeladene Kinnpartie meinem physiognomischen Reservoire einzuverleiben. Später habe ich d‘ Albert nicht mehr gesehen noch gehört. Zehn Jahre noch sollte er leben. Gehetzt und getrieben von seinem Dämon, wie Kain, unstät und flüchtig, er, in dessen Adern das Blut vieler Völker rollte. In Glasgow geboren, in Riga verstorben. Dazwischen liegt das alte Europa, in dessen Mitte er irgendwo in der Schweiz begraben liegt.“

Huhnens bedeutendstes Werk

Fritz Huhnens bedeutendstes literarisches Werk aber war zweifellos seine im November 1955 erschienene Monographie „Gute, Böse, und Krefelder“, mit derer seiner Vaterstadt ein einzigartiges literarisches Denkmal setzte. Huhnen ist sicher nicht der Erfinder jenes Diktums, das er bereits 1927 in einer seiner ersten Bildergeschichten verwendet hatte. Doch er prägte das Bonmot über die Krefelder Eigenart so sehr, dass es heute noch täglich auf Krefelds Straßen zu hören ist. Jüngst noch druckte eine Krefelder Bäckerei den Spruch auf ihre Weihnachtstüten.

 Diesmal im Fokus. Fritz Huhnen als Autor und Illustrator unter anderem für die WZ.
Diesmal im Fokus. Fritz Huhnen als Autor und Illustrator unter anderem für die WZ. Foto: Stadtarchiv Krefeld

Den Anstoß zu dem Buch hat vermutlich die einige Jahre zuvor ebenfalls in dieser Zeitung erschienene Serie „Wie war’s in Krefeld doch so schön“ gegeben. Aus ihr wurden einzelne Schilderungen wortwörtlich in „Gute, Böse und Krefelder“ übernommen. Das Buch ist eine mit scharfer Beobachtungsgabe und tiefer Zuneigung zur Heimatstadt geschöpfte Milieustudie, die sich vom ausgehenden 19. bis in die „goldenen“ zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erstreckt. Den roten Faden bilden die autobiographischen Erinnerungen des Verfassers, der anspruchsvolle Lektüre bietet, die häufig eine ausgesprochene Allgemeinbildung und vielfältige Kenntnisse der Literatur- und Theaterwelt voraussetzt.

Der Charakter des Buches, das kaum historische Fakten zusammenstellt, wird präzise in einer Besprechung erfasst, die im November 1955, im Lokalteil der anderen Krefelder Zeitung, der Rheinischen Post, erschienen ist. Darin heißt es u.a.: „Da formen sich die Häuser und die Straßen, da steigt der seltsame und wohltuende Duft einer Stadt empor, der vor Jahrzehnten über Krefeld lag und der ihr jene Eigenart gab, die zu dem Satz von den Guten, Bösen und den Krefeldern führte. … So steigt auch ein bisschen Wehmut auf in der Erinnerung an diese schöne Stadt, an ihre prächtigen, lebenslustigen, manchmal ein wenig seltsamen Menschen. ... Man erkennt bei der Lektüre dieses Buches, wie weit wir uns doch von jener Zeit entfernt haben, da Krefeld noch eine Stadt voller Eigenart und schöpferischer Kraft war, als die Stadt auch in ihrer äußeren Gestalt ihre eigene Bedeutung dartat“. Eine solche Sicht auf frühere, vorgeblich bessere Zeiten ist dem Buch durchaus zu entnehmen. Der Autor spricht solches jedoch eher beiläufig an, beispielsweise als er mit Blick auf die 1950er Jahre bemängelt, dass in den neuen „pikfeinen Restaurants“ die frühere „Gemütlichkeit“ der alten und engen, ja angerauchten Gaststuben kaum mehr anzutreffen sei.

Heute würde man vielleicht sagen, dass die Publikation zum „Kultbuch“ geworden ist. Bis 2001 wurde das Buch insgesamt viermal aufgelegt, was für eine lokalbezogene Publikation selten ist. „Gute, Böse, und Krefelder“ war unzweifelhaft über Jahrzehnte hin das liebste Geschichtenbuch der Krefelder.

Fritz Huhnen hat zu seinem Werk viele danksagende Briefe von ihm bekannten aber gerade auch unbekannten Personen erhalten, von denen er einige aufbewahrt hat, die sich heute in seinem Nachlass befinden, den das Stadtarchiv aufbewahrt. Aus diesen Briefen wird deutlich, dass es Huhnen offensichtlich gelungen ist, einen Seelenzustand seiner Heimatstadt in eine literarische Form zu gießen, welche die Menschen berührte und ihren Empfindungen Sprache verlieh. Sicher, die Schwierigkeiten und Nöte, die der von ihm geschilderten Jahre ebenso eigen waren, erwähnte er nur am Rande, was freilich die literarische Gattung zulässt. So beginnt denn auch das Buch mit der Bemerkung, man wolle „nun dat alde kri-ewel jener unbeschwerten Jahre“ in Erinnerung rufen.

Dass sich in Huhnens Darstellungen, obschon sie nicht bis in die dunklen Jahre nach 1933 führten, durchaus gesellschaftliche Probleme reflektierten, zeigt ein Brief des in New York lebenden Walter Spanier aus dem Jahr 1950. Spanier, ein emigrierter Krefelder jüdischen Glaubens, teilt mit, dass Huhnens in der WZ erschienene Reihe „Wie war’s in Krefeld doch so schön“ unter vielen ehemaligen Krefelder Juden, die nun in Amerika lebten, herumgereicht werde. Darin hatte Huhnen auch seine persönliche Beziehung zu dieser Glaubensgemeinschaft ausgedrückt, als er beispielsweise über den Mehlhändler Goldstein, der seinem Vater zur Heirat riet, und den Arzt Wallerstein, der ihn als Dreijährigen kurierte, bemerkte: „Die Juden waren mein Glück!“ Spanier dazu: „Selbstverständlich haben Ihre philosemitischen Bemerkungen mich sehr beeindruckt, und ich bin der Meinung, dass ein Artikel, geschrieben von einer Persönlichkeit, wie Sie es sind, mehr beiträgt, all das Leid, das uns angetan wurde, zurückzudrängen, und angenehme Erinnerungen wieder zu erwecken, als alles offizielle Getue“.

Zu der mehrfach in Aussicht gestellten Fortsetzung, also zu einem zweiten Band von „Gute, Böse, und Krefelder“, ist es nicht mehr gekommen, was in Anbetracht der auf die 1920-er Jahre folgenden beiden Dezennien auch kaum vorstellbar war.