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Französischer Orgelgeist in Krefeld-Hüls

Orgelmusik : Französischer Orgelgeist in Hüls

Bei dem Auftakt des achten Krefelder Orgelsommers spielte Heinz-Peter-Kortmann in St. Cyriakus Musik von Widor und Vierne.

Orgelmusik ist nicht gleich Orgelmusik. So banal das vielleicht auch auf den ersten Blick klingen mag – gibt es innerhalb der Orgelliteratur, auch regional, erhebliche Unterschiede. Die so fundamental sind, dass es über die Eigenheiten eines Komponisten weit hinaus reicht. Allein schon die Art und Weise, nach welchem Geschmack Orgeln gebaut wurden, welche Pfeifen man nutzte, wie die Meister sie kombinierten und welche klangliche Färbung schließlich dabei herauskam, wechselte sowohl historisch, also zeitlich, als auch geografisch, also örtlich, auf mannigfaltige Weise.

Musik geschrieben für
Cavaillé-Coll-Orgeln

Bei dem Auftaktkonzert zu dem Krefelder Orgelsommer mit Orgelkünstler und Kantor Heinz-Peter-Kortmann in St. Cyriakus stand eine ganz spezielle Orgeltradition im Fokus. Eine, die eigentlich erst recht funktioniert, wenn sie auf einem Instrument gespielt wird, das mit denjenigen Exemplaren, für die die Komponisten ihre Werke seinerzeit schrieben, kompatibel ist. Zumindest muss es ein Instrument sein, das nicht die diametral entgegengesetzte Schule propagiert – die gab es nämlich auch.

Kortmann widmete das Konzert in Hüls, das als Ersatz für das wegen Corona verschobene mit Gail Archer aus New York fungierte, ganz der französischen Orgelmusik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ganz in der Tradition, die mit, von und durch die Instrumente des Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll geprägt worden ist. Ein Meister, der den Orgelbau in Frankreich durch Erfindungen, Neuerungen und ein besonderes Händchen für große, vielfarbige sich harmonisch mischende Orgeldispositionen revolutionierte. Hierzu muss man wissen, dass es in Orgeln bisweilen unzählige Pfeifenarten mit verschiedenen Klangfarben und Tonumfängen gibt. Diese zu mischen, und zueinander passend zu machen, ist die große Meisterschaft hinter beeindruckend klingenden Orgeln. Nun die Franzosen, durch Cavaillé-Coll konnten sich an fast symphonisch, also wie ein großes ätherisches Orchester klingenden Orgeln, erfreuen. Der französische Orgelgeist – unnachahmlich.

Cavaillé-Coll baute und erweiterte etwa die große Orgel in der Pariser Saint-Sulpice derart, dass sie mit ihren 100 Registern auf fünf Manualen, mit vielerlei Extras aus der Trickkiste für damalige Zeiten – wir sprechen von 1862 – bahnbrechend war. Aber wir lassen uns zu sehr in die Begeisterung für diese Orgeln mitreißen. Es gab auch gegenteilige Bewegungen; später empfand man die Orgeln französischer Manier und ihre Epigonen als zu schwülstig, zu dick und wenig kontrastreich.

Nun denn, gerade in Deutschland standen Orgeln barocker und neobarocker Bauart, also Instrumente, wie etwa Bach sie habe spielen wollen und können, sehr hoch im Kurs. Deshalb ist es gar nicht so selbstverständlich, dass man als Organist ein Instrument zur Verfügung hat, um die mäandernden perlenden aus Mischklang sich türmenden Arkaden, die weichen sphärischen Cantilenen und die satten Tutti so zum Klingen bringen zu können, wie die Komponisten namens Charles Marie Widor oder auch Louis Vierne sie erträumten. Auf ihren Cavaillé-Coll-Orgeln in großen französischen Kirchen.

Welch Glück, dass St. Cyriakus über eine „moderne“ Orgel verfügt, die Stile gekonnt miteinander mischt. Auch wenn die äußere Form durch die historische Fassade der Orgel geprägt ist, so hat die Schweizer Orgelbaufirma Metzler ein Instrument geschaffen, das zwar sich stark an barocken Vorbildern orientiert, aber romantische Einflüsse in sich trägt. Gut, die große Orgel von Saint-Sulpice ist sie jetzt nicht, dort war übrigens Widor Titularorganist, aber es liegt ohnehin in der Hand eines Organisten, eines Meisters seines Fachs, die Register so zu wählen, die Tasten so zu drücken und die Pausen so zu gestalten, dass aus luftigen Klängen, verstärkt durch Hall ein großes ästhetisches Ganzes wird.

Von jenem Widor spielte Kortmann mit einem zauberhaft treffenden Gespür für die Klangsprache dieser Musik die 6. Symphonie für Orgel in g-Moll. In dem op. 24, Nr. 2 Widors ist die ganze Palette französischer Orgelkunst in der Orgelsymphonik hörbar. Hierbei bemüht sich die Musik die symphonischen Ideale orchestraler Musik auf den Geist einer Orgel zu übertragen. Symphonische Musik mit den Mitteln jener besonderen Instrumente zu gestalten. Wie Engelsstimmen bezirzen sich weiche Linien und um sie herumspielende Girlanden aus luftigem Klang. Dann wieder haucht das Instrument mächtige überwältigende Felsen aus Tönen heraus, die sich verschieben, mal dünner, mal breiter werden. Immer schwebt auch eine gewisse Melancholie über den Phrasen, um schließlich dann doch Momente einer Leichtigkeit zuzulassen, die wohl am schwierigsten aus dem von Natur aus etwas schwerfälligem Instrument zu entlocken ist. Hier ist perfektes Timing und künstlerische Intuition gefragt. Die Passagen dürfen nicht zu kantig und nicht zu verschwommen klingen, sie müssen Richtung haben und dennoch schweben. Kortmann wusste genau, was hier zu tun ist. Hätte er aber vielleicht zu Anfang im Allegro das eine oder andere Tutti mehr atmen lassen können, so beeindruckte er später durchweg mit genau dieser Kunstfertigkeit, die gerade französische Orgelmusik vom Interpreten fordert.

Auch mit Louis Viernes Symphonie Nr. 2 bewegen wir uns in dieser Klangsphäre. Nur dass hier die musikalischen Linien sich gerne noch mehr zu bunten Mischgeweben verdrehen. Auch hier gilt, man darf nicht vergessen, dass der Organist schlussendlich nur recht wenig Einfluss auf den Klang hat – nicht etwa wie ein Pianist, der durch den Anschlag den Klang des Klaviers verändern kann. Organisten nutzen da anderen Mittel.

Heinz-Peter-Kortmann, der zeitgleich Kopf hinter dem Orgelsommer ist, beglückte das wegen Corona mit Abstand sitzende Publikum mit einem sehr gelungenen französischen Orgelabend. Gab nach schönem Applaus eine Zugabe, und so klangen die sanft dahinplätschernden Töne dem Hörer noch lange im Ohr.