Festival Move!: Folkwang Tanzstudio ließ die Luft vibrieren

Festival Move!: Folkwang Tanzstudio ließ die Luft vibrieren

Der Brasilianer Rodolpho Leoni zeigt beim Festival Move! eine eindrucksvolle Choreographie.

Krefeld. Er steckte seine Tänzerinnen in Nudel-Kleider mit bissfesten Spaghetti-Trägern und erfand eine Szene, die sich nur um Haargummis drehte. Rodolpho Leoni galt vor gut 15 Jahren als Clown des zeitgenössischen Tanzes. Dann entwickelte er sich plötzlich zum Kalligraphen — und wurde noch erfolgreicher. Choreografien des Brasilianers sind eine Seltenheit geworden, seit er 2008 die künstlerische Leitung des Folkwang Tanzstudios (FTS) übernahm. Nun gibt es endlich wieder ein neues Werk: „Would you like an invitation to my destination“ stellte er mit dem Essener Ensemble beim Tanzfestival „Move!“ vor. Es beschäftigt sich mit dem Zauber des Anfangs und schlug das Publikum vollständig in seinen Bann.

Blaue Stunde im Ballettsaal. Zehn Tänzer lehnen und hocken lässig an den Mauern, je fünf rechts und links neben den Säulen, die das Bühnenquadrat in der gut besuchten Fabrik Heeder markieren. Sie schauen vor sich hin, dehnen einen Körperteil. Eine magische Stimmung nehmen ihre Kostüme, Tops und weite Hosen aus glitzerndem Stoff vorweg.

Da stürzt ein junger Tänzer (Jan Möllmer) ins Licht. Seine Arme schwingen elegant und unbeschwert, die Schultern kreisen, beinah verträumt zirkelt er durch den Raum. Tanzen ist Lust. Doch schon knistert die Luft. Pfeilschnell gesellt sich ein Mädchen (Stephanie Miracle) dazu und nimmt tanzend mit ihm Kontakt auf. Noch ist der Umgang spielerisch.

Diesen Mikrokosmos entwickelt Leoni konsequent weiter. In dynamischem Bewegungsfluss und nach einer geradezu mathematischen Ordnung kommen und gehen die Tänzer, bilden Duos, Terzette und immer größere Gruppen, treten durch Körpersignale in einen Dialog.

Leonis Handschrift ist unverkennbar: schwingende Gliedmaßen, Körperwellen, abrupte Tempo- und Richtungswechsel, akzentuiert durch gewagte Hüpfer, Kicks oder geschraubte Drehungen, dem Hiphop entlehnt. Der 52-Jährige kreiert organische Strukturen, hochkomplex und ausgefeilt bis zur Perfektion. Die Energie strömt und pulsiert in Harmonie im Rhythmus einer elektronischen Soundcollage.

Der Inhalt ist unspektakulär, doch die Luft vibriert. Aus der Probensituation wird mit dem Einsetzen eines Wecktons eine immer schnellere und diszipliniertere Bewegungsstruktur. Am Ende tanzt die herausragende Stephanie Miracle ein Solo vor den anderen, die sich im Schneidersitz zum Publikum gruppiert haben. Ein wunderbares Tanzstück, das innerlich beschwingt.

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