Festspiele: Heinz-Erhardt-Schwank in Neersen

Schlossfestspiele Neersen: Premiere von „Der Mustergatte“ : Sexmachine und flotte Verse

Die Freilichtbühne in Neersen startet mit dem Heinz-Erhardt-Schwank „Der Mustergatte“ in die Spielzeit. Dafür gibt’s viel Applaus.

Sofa und Sessel sind beige-braun, der Tisch ist knallig Orange: So unterschiedlich wie die Möbel ist auch das Leben von Willi Winzigmann und seiner Frau Wilma. Während der penible Hamburger Finanzbeamte innerlich und äußerlich noch ganz in der braven Wirtschaftswunderzeit der 1950er-Jahre hängen geblieben ist, ist seine Ehefrau längst in den quietschbunten 1970er-Jahren angekommen. Sie möchte etwas erleben – er dagegen löst am liebsten Kreuzworträsel. Aus dieser Konstellation entwickelt sich im Schwank „Der Mustergatte“ bei den Schlossfestspielen in Neersen ein (meist) vergnüglicher Abend. Die ausverkaufte Premiere ging am Samstag bei wunderbarem Wetter über die Freilichtbühne.

Das Stück basiert auf dem 1915 veröffentlichten, mehrfach verfilmten Schwank „Fair and Warmer“ des amerikanischen Lustspielautors Avery Hopwood (1882–1928). In der wohl bekannteste Verfilmung von 1937 spielte Heinz Rühmann die Hauptrolle.

Festspiel-Intendant Jan Bodinus als Regisseur hat im Vergleich zum Original einige Änderungen vorgenommen. Die Handlung wurde in die 70er-Jahre verlegt, immer wieder gibt es darauf Anspielungen – vom Willy-Brandt-Zitat bis zum Hair-Besuch. Manchmal schleichen sich dabei auch Fehler ein, so wenn von der Schah-Demonstration die Rede ist, die aber schon 1967 die Republik bewegte.

Die wohl wichtigste Änderung betrifft die Hauptfigur: „Willi Winzigmann alias Heinz Erhardt“ heißt es schon im Programmheft, denn das Ganze ist eine Heinz-Erhardt-Komödie geworden. In die Rolle des schelmischen Wortakrobaten, der seine Glanzzeit in den 1950er-Jahren hatte, schlüpft souverän Stefan Keim, der dies in den vergangenen Jahren im Rahmenprogramm der Festspiele schon mehrfach getan hat. Grauer Anzug, grau-braune Krawatte und die unverwechselbare Hornbrille – fertig ist sein Heinz Erhardt.

Was man heute noch kennt von dem 1979 gestorbenen Komödianten sind vor allem verdrehte Redewendungen und humorvolle Verse wie diese: „Das Leben kommt auf alle Fälle, aus einer Zelle, doch manchmal endet’s auch – bei Strolchen – in einer solchen.“ Das ist bis heute lustig – allerdings nur bis zu einer gewissen Schmerzgrenze, die Jan Bodinus in der Inszenierung klar überschritten hat. Er hat immer wieder „noch ´n Gedicht“ in die Handlung eingeflochten, sein Heinz Erhardt redet fast nur in Sprüchen und Versen. Was einen als Zuschauer irgendwann aggressiv werden lässt und die Lust erweckt, dem Mann auf der Bühne die dicke Brille vom Kopf zu reißen.

Doch diesen Part übernehmen andere. Vor allem sein Freund Hein Becker (Slim Weidenfeld). Der rät Willi, seine Frau Blanche, deren Ex-Freund Freddy ihr schöne Augen macht, selbst ein bisschen eifersüchtig zu machen. Dass dieser Rat in einem wilden Besäufnis (beachtlich, was Schauspieler so alles schlucken müssen) endet, an dem ausgerechnet Heins brave Ehefrau Blanche teilnimmt, findet Freund Hein gar nicht komisch und er droht Willi an die Gurgel zu gehen.

Als Blanche begeistert TV-Star Michaela Schaffrath mit natürlichem Sexappeal und umwerfender Komik. Schön schleimig bringt Raphael Souza Sá den Freddy über die Bühne. Slim Weidenfeld überzeugt als Pantoffel-Playboy, Reinhild Köhncke (Wilma) gelingt der Spagat zwischen braver Ehefrau und wildem Hippie. Eine weitere wichtige Rolle spielt die Musik der 70er, von den Disco-Hits („Saturday night fever“) bis zur funkigen „Sexmachine“. Da darf auf der Bühne, die Christian Baumgärtel gestaltet hat, auch mal getanzt werden. Das Schloss als Akteur bleibt dagegen unbesetzt, kein Fenster, keine Tür wird in die Handlung einbezogen, es ist bloße Kulisse.

Am Ende gibt es stehenden Applaus – einige Zuschauer bleiben bewusst auch sitzen.

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