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Experimentalmusik vor Bierbänken auf dem Theaterplatz

Theaterplatz : Experimentalmusik vor Bierbänken

Das sechste Open-Air-Event der Kulturreihe „Distanz“ war trotz vorübergehenden Regenschauer gut besucht.

Manch einer, der am Samstagabend am Theaterplatz entlang spazierte, dürfte sich verstört umgeschaut haben bei dem Klangkarussell, welches sich ihm dort bot. Das sechste Open-Air-Event der „Distanz“-Kulturreihe war ganz der experimentellen Musik verschrieben und zeigte auf, wie vielseitig Musik sein kann. Viele der rund 100 Besucher wussten bei diesem wenig konkreten Motto noch nicht wirklich, was sie erwartet und ließen sich überraschen: Hauptsache es gäbe endlich wieder etwas Kultur und Konzertstimmung. Dabei sah der Platz auf den ersten Blick kaum nach distinguierter Kunstveranstaltung aus. Im Halbkreis wurden auf dem Theaterplatz Pavillons aufgestellt, den Besuchern wurden in von einander getrennten Achtergruppen die festen Plätze an den Bierbänken zugewiesen.

Es fing auch alles recht gemütlich an. Stefan Huth spielte auf der Empore über den Köpfen der Zuschauer entspannten Indie-Rock auf seiner Gitarre. Viele unterhielten sich dabei, ließen die Musik im Hintergrund laufen. Doch wer genau hinhörte, erkannte den finsteren Unterton zwischen der akustischen Idylle. Mit seinen eingestreuten schrillen Tönen und dem unregelmäßigen Fünfvierteltakt sorgte er für ein Interesse weckendes Unbehagen beim Zuhören der vordergründig massentauglichen Musik.

Manches Experiment verliert schnell an Reiz

Durch die zwei Bühnen — eine auf dem Platz, die andere auf dem Balkon des Seidenweberhauses —  wurden die Umbaupausen auf ein Minimum reduziert. Die Acts kamen Schlag auf Schlag nacheinander, und im Laufe des bis Mitternacht laufenden Konzertabends wurde es immer experimenteller. „Ephemeral Fragments“ verband elektronische Synthesizermusik mit industriellen Klängen, erzeugt durch klassische Streich- und Blasinstrumenten. Die Instrumente, von denen man eher harmonische Klänge erwartet, denen man so fremdartige Klänge gar nicht zutraut, stellten fremdartiges Ploppen und Surren her. In Verbindung mit dem Piepen des Sythesizers vermittelte die Band das Gefühl, man wäre auf einem verlassenen Raumschiff in einem Science-Fiction-Film.

Nachdem diese Atmosphäre einmal geschaffen wurde, kam jedoch im Laufe des 40-minütigen Auftritts nicht mehr viel Neues. Die Band bot einen fremdartigen Klangteppich, der nach einer gewissen Zeit kaum noch Aufmerksamkeit zog. Kein Wunder, dass die meisten Besucher sich schnell wieder ihren Gesprächen widmeten.

Ebenso avantgardistisch, aber deutlich tanzbarer ging es bei der Band „Kotzmann“ zu, die mit ihrem jazzartigen Mix aus sphärischer Elektromusik und rockigem Gittarensound in Club, genau so gut wie auf ein Rockfestival passen würden. Da wurde die leere Fläche schnell von einigen ausgenutzt – mit ausreichendem Abstand zu einander –, vor sich hinzutanzen.

Harmonische Rhythmen aus Schalen und Rohren

Der erwartungsvollste Applaus kam, als Limpe Fuchs auf die Bühne trat, die schon beim Stimmen im Soundcheck mit ihren ungewöhnlichen Instrumenten auf sich aufmerksam machte. Sie entschuldigte sich direkt, dass ihr gewohntes Spiel mit dem Raum bei diesem Open-Air-Konzert natürlich nicht möglich wäre, bevor sie eindrucksvoll bewies, dass sie auch so begeistern kann. Sie bespielte ihre bronzenen von der Decke hängenden Metallrohre präzise mit ihrem Bogen und bewies dabei die akustische Reichweite, die dieses von ihr konstruierte Instrument haben kann. Die Röhren können den vollen Klang von Kirchenglocken imitieren, aber auch harmonische helle Töne werden mithilfe der grob wirkenden Klangkörper produziert.

Bei ihr blickte das gesamte Publikum, das sonst so gerne in Gespräche verfiel, gebannt auf ihre Klangkunst, als sie diverse Alltagsgegenstände zum Musikinstrument umfunktionierte. Sie bespielte aufgereihte Metallrohre wie ein Xylophon, ging von der Bühne, um Folien über den Asphalt zu streifen und ließ eine Murmel über eine Schale rollen, um damit überraschend rhythmische Musik zu erzeugen. Auch wenn es nicht der strengsten Definition von tanzbarer Musik entspricht, wippten schon einige Köpfe und Füße zu der Musik.

Abgerundet wurde die Open-Air-Veranstaltung mit dem Drei-Gänge-Menü, das beim Eintrittspreis von 20 Euro enthalten war. Passend zur Musik wurde auch beim Catering experimentiert. Die drei Gänge wurden komplett in Einmachgläsern serviert.

Auch in den folgenden Wochen wird die „Distanz“-Reihe am Theaterplatz jeden Freitag und Samstag weitergehen. Wer sich von dem Programm überraschen lassen will, kann Tickets direkt bei Veranstalter Philip Lethen per E-Mail reservieren: philiplethen@mac.de