Theaterjubiläum „Erfinder“ der Festspiele in Neersen kamen mit dem Rad aus Krefeld

Krefeld · Die Freilichtbühne in Neersen wird 40 Jahre alt. Ohne Hilfe aus Krefeld wäre dies wohl niemals gelungen.

 Als erstes Stück vor der Neersener Schlosskulisse wurde 1984 Kleists „Der zerbrochene Krug“ gegeben.

Als erstes Stück vor der Neersener Schlosskulisse wurde 1984 Kleists „Der zerbrochene Krug“ gegeben.

Foto: WZ/Stadt Willich

In der Krefelder Nachbarstadt Willich wird in diesem Jahr ein schönes Theaterjubiläum gefeiert: Vor genau 40 Jahren, am 13. Juli 1984, gab es die ersten Festspiele Schloss Neersen. „Erfunden“ worden ist die beliebte Sommerbühne – allein 2023 kamen 22 000 Besucher – von zwei Schauspielern des Gemeinschaftstheaters Krefeld und Mönchengladbach.

Die damit verbundene Anekdote ist viel zu schön, um wahr zu sein: Horst Gurski und Gerhard Ernst sollen im Sommer 1983 eine Radtour zwischen Krefeld und Mönchengladbach unternommen haben. Dabei stießen sie zufällig auf das Neersener Schloss, waren begeistert von der Kulisse – und kamen spontan auf die Idee, davor ein Freilichttheater zu etablieren.

Über die Wahrhaftigkeit der hübschen Erzählung kann indes trefflich gestritten werden – sogar durch die beteiligten Personen. „Ich fahre Motorrad. Auf die Idee mit der Radtour wäre ich nie gekommen“, erklärte viele Jahre später Horst Gurski im WZ-Interview. Vielmehr habe ein Kollege aus dem Chor der Städtischen Bühnen im Schloss gesungen und anschließend erzählt: „Da könnte man wunderbar Theater spielen.“

Premiere am 13. Juli 1984
mit „Der zerbrochene Krug“

 Die „Erfinder“ und ersten Intendanten der Festspiele waren Gerhard Ernst (l.) und Horst Gurski. Sie kamen vom Theater Krefeld und Mönchengladbach.

Die „Erfinder“ und ersten Intendanten der Festspiele waren Gerhard Ernst (l.) und Horst Gurski. Sie kamen vom Theater Krefeld und Mönchengladbach.

Foto: WZ/Stadt Willich

Gerhard Ernst dagegen konnte sich vor einigen Jahren gegenüber unserer Zeitung noch genau daran erinnern, das Schloss bei einer Radtour kennengelernt zu haben. „Eine faszinierende Location, wie das heute auf Neudeutsch heißt“, blickte der österreichische Schauspieler und Sänger damals zurück.

Die Entstehung bleibt also ein bisschen im Dunkeln. Klar ist aber, dass 1984 die erste Festspiel-Saison in Neersen über die Bühne ging. Auf dem Spielplan standen zwischen dem 13. Juli und 19. August „Der zerbrochene Krug“ mit Gerhard Ernst als Dorfrichter Adam sowie „Das tapfere Schneiderlein“ mit Horst Gurski in der Titelrolle. 5668 Zuschauer kamen in dieser Spielzeit.

Die Lage, die Infrastruktur, alles sei perfekt vorhanden gewesen, blickten die Festspiel-Gründer später zurück. Zudem habe es in der gesamten Region keine einzige professionelle Sommerbühne gegeben. Ohne die tatkräftige Unterstützung der Krefelder Kollegen wäre der Erfolg allerdings auch nicht möglich gewesen: „Dort haben wir uns das Notwendige ausgeborgt“, erzählte der Kempener Horst Gurski vor Jahren. Er wurde später Intendant der Scherenburgfestspiele in Gemünden bei Würzburg, 2015 beendete er nach 15 Jahren sein dortiges Engagement. Gerhard Ernst ging nach seiner Zeit am Niederrhein zurück in seine Heimatstadt Wien und wurde Ensemble-Mitglied des Burgtheaters (1990 bis 1995) und der Volksoper Wien (2001 bis 2022).

Doch zurück nach Neersen. Auch andere Mitglieder des Gemeinschaftstheaters waren dort in den Folgejahren regelmäßig im Sommer zu Gast, so zum Beispiel die Krefelder Schauspielerin Rosemarie Weber oder der Technische Leiter Horst Ackermann. Die beiden ersten Intendanten waren indes schon relativ schnell ausgeschieden: Gerhard Ernst 1989, Horst Gurski 1991.

 Intendant Jan Bodinus mit Sabine Mroch vom Festspielverein.

Intendant Jan Bodinus mit Sabine Mroch vom Festspielverein.

Foto: WZ/Stadt Willich

40 Jahre nach den ersten Vorstellungen hat sich die Freilichtbühne in der Region längst etabliert und von Krefeld abgenabelt – auch wenn nach wie vor viele Krefelder zu den Stammgästen zählen. Seit zehn Jahren ist der Berliner Jan Bodinus Intendant, wiederholt hat er seine Kontakte genutzt, um bekannte „Zugpferde“ wie Michael Schanze, Ralph Morgenstern oder Kalle Pohl ins beschauliche Neersen zu locken.

Sehr bunt, laut und fröhlich soll die Jubiläumsspielzeit werden, hat Bodinus angekündigt. Sie steht unter dem Motto „Powerfrauen/Frauenpower“. Denn angesichts der „seit Jahrhunderten und nach wie vor mehrheitlich von Männern bestimmten Theaterszene“ wolle er bewusst einen Kontrapunkt setzen – und damit das Jubiläum prägen.

Stargast ist diesmal die Berliner Schauspielerlegende Katharina Thalbach, die mit der Band „The Beauty of Gemina“ auf der Freilichtbühne zu erleben sein wird. Ihre musikalische Lesung „Schatten über dem Nichts“ bietet Schauergeschichten und Märchen der schwarzen Romantik.

Der Auftritt Thalbachs bei der Jubiläumsveranstaltung ist längst ausverkauft. Für die übrigen Stücke im Programm gibt es aber noch Karten. Als Kinderaufführung ist „Mulan“ (bekannt durch die Disney-Verfilmung) zu erleben, die beiden musikalischen Abendstücke sind das Musical „No(n)nsens“ über fünf fidele Ordensschwestern sowie der Broadway-Erfolg „Stepping out“ über eine Tänzerin, die ihr Geld mit Stepp-Kursen für Amateure verdient.

Die Festspielsaison in Neersen beginnt am Sonntag, 2. Juni, mit der Mulan-Premiere und endet am Sonntag, 18. August, mit einer bereits ausverkauften Opern- und Operettengala. Es gibt 67 Aufführungen.

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