Eine Künstlerin wundert sich

Eine Künstlerin wundert sich

Claudia Reich eröffnet am heutigen Freitagabend ihre Ausstellung im Kunstspektrum an der St.-Anton-Straße 90.

Ein Holzsteg führt quer durch den Raum und endet vor einer Wand. Mit dieser Installation beginnt die Einzelausstellung von Claudia Reich, die heute Abend im Kunst-Spektrum eröffnet wird. Der Steg führt vom großen Fenster im Erdgeschoss bis zur gegenüberliegenden Wand, die ein unüberwindbares Hindernis darstellt. Die den Raum beherrschende plastische Arbeit bezeichnet die Künstlerin als „Selbstporträt“. Dieser Hinweis korrespondiert mit dem Titel der Ausstellung „Ich wundere mich — (eigentlich über alles)“.

Das „verwunderte Betrachten“, auch das ein Begriff von Claudia Reich, ist das Leitmotiv ihrer Arbeit. Das Gefühl, vor eine Wand zu laufen, ist ihr vertraut. Doch Reich überlässt es dem Betrachter, mit dem Holzsteg auch ganz andere Assoziationen zu verbinden. Ein Steg über dem Wasser, ein Lebensweg, all das und vieles mehr ist möglich. Die Künstlerin liebt es, mit Holz zu arbeiten, benutzt aber insgesamt sehr viele unterschiedliche Materialien. Die eher grobe Ästhetik des Holzes hat sie ganz bewusst so belassen.

Claudia Reich, Künstlerin

Die Künstlerin, die schon lange in Krefeld tätig ist, ist neues Mitglied der Künstlergemeinschaft, die Ausstellung ist ihre Premiere im Kunst-Spektrum. „Es ist schön, das ganze Haus für sich zu haben“ sagt sie. In den sechs sehr unterschiedlich geschnittenen Räumen präsentiert sie einen Querschnitt durch ihre Arbeit.

Der Steg ist extra für den ersten Raum im Erdgeschoss konzipiert und ihre bisher größte Installation dieser Art. Im zweiten Raum ist eine weitere plastische Arbeit zu sehen, die an einen Sack zum Boxen erinnert. Allerdings ist dieser Sack transparent und mit vielen kleinen Figuren gefüllt. Diese sind, wie es scheint, willkürlich zusammengewürfelt. Dass das zu einer Aggression führen kann, symbolisiert der Sack. Vier Kohlezeichnungen lenken den Fokus auf einzelne Figuren aus diesem seltsamen Kosmos.

„Warum sehen wir so aus und nicht anders?“ ist eine der Fragen, die die Künstlerin sich dazu gestellt hat. In der oberen Etage gibt es weitere Menschenbilder zu sehen. Es sind Zeichnungen von Jugendlichen, die von ihrer Haltung ebenfalls etwas kampflustig wirken. So hält einer ein Stück zusammengerolltes Papier wie einen Schlagstock. Es sind keine Porträts, wie Reich betont, aber von persönlichen Beobachtungen inspirierte Bilder. Im nächsten Raum geht es von der Menschen- in die Götterwelt.

Eine Szene aus dem uralten Gilgamesch-Epos hat Reich zu einigen Bilder inspiriert. Auf der einen Seite große und kleine Bilder in Acryl und Öl, in denen die beschriebenen Wolken eines Rauchopfers Gestalt annehmen. Hauptbild ist eine Platte aus Pappelholz, in welche die Künstlerin Zeichnungen und kurze Texte mit einem Lötkolben eingebrannt hat.

„Die Götter aber rochen den süßen Duft“ ist darauf zu lesen. Das Zitat aus dem Epos hat den Anstoß zu dieser insgesamt auch raumgreifenden Arbeit gegeben. Im kleinsten Raum gibt es eine Installation aus drei Tischen, deren Flächen beleuchtet werden können. Auf ihnen liegen verschiedene Wachsformen, in die verschiedenen Formen eingedrückt sind: eine menschliche Figur, ein Tier, Messer und Gabel.

All diese Dinge haben für Reich mit der menschlichen Seele zu tun. Begriffe, wie „schöne Seele“, oder „Nahrung für Leib und Seele“ haben hier auf eine etwas eigenwillige Weise Gestalt angenommen. Durch das Licht von unten bekommen die Wachsformen tatsächlich einen eher entmaterialisierten Charakter.

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