Ein künstlerischer Blick auf die USA

Ballett : Ein künstlerischer Blick auf die USA

Die Premiere von Robert Norths Ballettabend „Living in America“ begeistert das Publikum.

Eine in eine amerikanische Fahne gehüllte Tänzerin (Amelia Seth) personifiziert die Freiheit. Mit diesem starken Symbol beginnt und endet der neue Ballettabend „Living in America“ von Robert North. Dazwischen entfaltet sich ein opulentes dreiteiliges Werk, in dem amerikanische Geschichte und amerikanisches Lebensgefühl sehr facettenreich vorgestellt werden.

Der Ballettdirektor wirft einen Blick auf seine Heimat und er tut dies auf eine ganz besondere Weise. Mit der ihm eigenen Leichtigkeit, in der aber auch immer viel Tiefe steckt, schlägt er einen Bogen von historischen Ereignissen bis hin zu den Licht- und Schattenseiten der Gegenwart. Aus drei ganz unterschiedlichen Teilen entsteht am Ende eine wunderbare Melange, humorvoll, mit kritischen Untertönen und einfach mitreißend zum Ansehen.

Mit vielen wechselnden Schauplätzen und einer Vielzahl von prächtigen Kostümen (Ausstattung Udo Hesse) wird auch dem Auge viel geboten. Entsprechend begeistert zeigte sich das Publikum bei der Premiere.

Alessandro Borghesani tanzt ein ergreifendes Solo als Obdachloser

Der erste Akt erzählt die Geschichte der ersten Besiedlungen im Westen. Eine sehr stimmungsvolle Szene zeigt zunächst das friedliche Leben von Amerikas Ureinwohnern, den Indianern. Geschmeidig schleicht ein Apache (Takashi Kondo) durch eine Landschaft, im Hintergrund zeichnet sich eine Gebirgssilhouette ab. Kurz darauf lässt sich ein junges Paar (Alessandro Borghesani und Teresa Levrini) hier nieder, baut sich eine Hütte, gründet eine Familie. Der Mann ist mit anderen am Bau einer Eisenbahn beteiligt, deren Energie sich in der Musik Aaron Coplands widerspiegelt.

Die Musik Coplands, die auch Elemente des Jazz und der Folklore enthält, ist die perfekte Untermalung für diesen Teil des Abends, der in einigen Szenen auch an alte Westernfilme erinnert. Da gibt es eine kleine Stadt mit einem Saloon und Geschäften. Mit viel Humor werden kleine Gaunereien gezeigt, es endet mit einem fröhlichen Fest.

Der zweite Teil führt ins 20. Jahrhundert und in die Welt der Großstädte mit ihren Licht- und Schattenseiten. Gangster und ihre coolen Bräute machen die Gegend unsicher, mit Glücksspielen und Alkoholschmuggel machen sie manchmal tödlich endende Geschäfte. Doch in New York lockt auch der Broadway mit seinen Shows. Zum Song „On Broadway“ (The Drifters) gibt es eine mitreißende Tanznummer.

Ein junges Mädchen (Amelia Seth) aus der Provinz träumt von einer Karriere. In einer berührenden Szene verabschiedet sie sich von ihrem Freund (Illya Gorobets). Wenig später sieht man sie zu den Klängen von George Gershwin in den Proben für eine Broadway-Show. Doch wieder wirft North einen Blick auf die Schattenseiten des Glanzes und lässt diesen zweiten Teil nicht mit der großen Show-Szene, sondern mit einem ergreifenden Solo eines Obdachlosen (Alessandro Borghesani) enden. Eine wunderbare Idee, die zu den Höhepunkten des Abends zählt.

Der letzte Teil ist weniger erzählerisch, sondern behandelt verschiedene Probleme der modernen Gesellschaft, die nicht nur Amerika betreffen. Auch das gelingt North wieder auf sehr fesselnde Weise mit klaren und starken Bildern. Sechs Tänzerinnen verkörpern die Versuchungen durch die Konsumgüter der Moderne und umgarnen ihre Opfer. Dazu gehören Geld, Drogen, Medien und Großkonzerne. In einem packenden Pas de Deux ringen die Gier (Alessandro Borghesani) und das Gold (Yasuko Mogi) miteinander. Aber auch hier kommt der Humor nicht zu kurz. Ein hinreißend choreografiertes Basketballspiel ohne Ball und ein amüsanter Box-Rap zwischen Stars (Marco A. Carlucci) und Stripes (Irene van Dijk) unterstreichen die Bedeutung des Sports in Amerika und betonen den Optimismus und die Energie seiner Bewohner. Diese Energie ist das Leitmotiv des Abends. In der überaus dynamischen Choreografie, von dem 22-köpfigen Ensemble auf hohem Niveau umgesetzt, spiegelt sie sich perfekt wieder.

Gefühlt viel zu schnell endet der Abend nach gut zwei Stunden. Man könnte ihn sich direkt wieder anschauen.

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