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Dreigroschenoper am Theater in Krefeld: Warum der Spielzeitauftakt scheitert

Premiere : Die Dreigroschenoper in Formalin

Der Spielzeitauftakt am Theater mit der Premiere von Brechts Stück mit Musik von Weill scheitert an einer vielversprechenden Idee.

Ein Bild, das in all seiner Provokanz vielleicht am trefflichsten die Haltung hinter Bert Brechts und Kurt Weills Dreigroschenoper – übrigens unter durchaus maßgeblicher Mitarbeit Elisabeth Hauptmanns entstanden – beschreibt, mag sein: In einem gemütlichen Sessel mit einem teuren Whiskey sitzend, mit vor Wohlstandsbauch spannender Seidenweste und Maßanzug, mit obligater Havanna-Zigarre in der Hand ausrufen: „Macht mal Klassenkampf!“.

Von dieser alkohol- und tabakgeschwängerten Süffigkeit indes war leider bei der Premiere der Neuinszenierung des Stückes am Krefelder Haus des Theaters Krefeld/Mönchengladbach weniger zu spüren. Große Erwartungen waren an die Spielzeiteröffnung geknüpft. Nicht nur von treuen Fans der Dreigroschenoper.

Aber muss es immer nach Klischee sein? Muss es nicht. Doch sollte man tunlichst darauf achten, dass das Stück dabei nicht das verliert was es am Leben hält. Opernregisseurin Helen Malkowsky verlegt die Geschichte in eine frostig kühle Atmosphäre einer Pathologie.

Mackie Messer, etwas gewöhnlich ohne typische Attribute verkörpert durch Michael Ophelders, ist der Pathologe, der in seinem von Leichen umgebenen Arbeitsplatz im Nu in die Geschichte der Dreigroschenoper hineinschlittert. Die Figuren – bis auf Jonathan Jeremiah Peachum (als zynisch glatten Geschäftsmann gespielt von Adrian Linke) und Polizeichef “Tiger“ Brown (süffig interpretiert von Bruno Winzen) – sind allesamt Tote, die peu à peu aus ihrer Starre erwachen (Choreografie: Stefan Kunzke) und in die weiteren Rollen der Dreigroschenoper schlüpfen (Kostüme: Alexandra Tivig).

Die Grundidee der Inszenierung ist vielversprechend

Eigentlich könnte die Idee zündend sein. Eine Pathologie als Symbol für eine verrottende Gesellschaft, die durch Brechts Stoff tüchtig seziert werden kann. Wer aber nun ein vor Kunstblut triefendes Horrorspektakel erwartet hatte – nach dem so oft abgenutzten Rezept: „war alles nur ein schrecklicher Traum“, der irrt. Und deutliche ästhetische Verweise auf eine kalte „reale“ und andererseits surrealistische Traumwelt finden sich auch nicht. Was tatsächlich kam, ist eher blass als zündend.

Daran ändern konnte leider auch nur wenig, dass nahezu das gesamte Ensemble durchaus mit viel Esprit in die von der Regie angedachten Rollen verstand sich hineinzuleben. Allen voran die auch stimmlich überragende Jannike Schubert als Spelunken-Jenny.

Doch gelang es bisweilen nicht, das blutleere Setting in dem Halbrund eines Anatomie-Saals, ansehnlich gestaltet durch das Bühnenbild von Hermann Feuchter, mit schauspielerischer Spannung über Längen der Fassung hinwegzuretten. Zeigten auch Carolin Schupa (Polly), Chris Nonnast (Celia Peachum) oder auch Paula Emmrich durchaus beachtliche Präsenz.

Nicht, dass es besser gewesen wäre, die Dreigroschenoper in einer auf Schock setzenden Überschreibung zu geben; doch wenn man schon Teile des Ensembles im zweiten „Dreigroschen-Finale“ wie Zombies über das Publikum kriechen lässt, dann konterkariert man schon per se die wohlwollende Annahme, dass diese Dreigroschenoper bewusst in Formalin gehalten, so steril sein will und es nicht nur aus Unvermögen ist.

Es gibt einiges Geschmacklose, einiges was durchaus taugen könnte, den Ekel, den Peachums Bettel-Soldaten heraufbeschwören sollen, szenisch zu unterstützen. Auch „Gimmicks“, die sogar als Running-Gag funktionieren könnten, wenn man sie konsequent erklären oder einsetzen würde. Wie etwa ein Torbogen, der zeitgleich als eine Art Detektor fungiert.

Die Dreigroschenoper lebt auch von den Songs

Die eigentliche Perversion und Faszination von dem „Stück mit Musik“ nach John Gays und Johann Christoph Pepuschs Bettleroper ist ihre kompromisslose Mischung aus Propaganda, Satire und Unterhaltung für den übersättigten Bürger, der auch mal gerne etwas Verbotenes und Anrüchiges sehen möchte. Die Dreigroschenoper, die keine Oper ist, hätte wenig Erfolg gehabt, wäre ihr das Voyeuristische nicht eigen. Wäre sie zeitgleich nicht auch eine unterhaltsam-schräge Revue.

Doch auch dieser Aspekt kommt letztendlich in dieser Inszenierung zu kurz. Spielt auch das musikalische Ensemble unter der Leitung von Willi Haselbek durchaus mit gebührendem Swing, nötiger Bissigkeit und der unerlässlichen – scheinbaren – Laissez-faire, die Weills Musik braucht.

Es ist schon erstaunlich, wie sich die Moritat von Mackie Messer, mit ihrer lässig bitteren eingängigen Melodie, mit ihrem süßlich verwest stinkendem von Bluttat und Unmoral erzählendem Text zu einem musikalischen Evergreen entwickelt hat. Bei der gewollt schrägen und unter der leicht fassbaren melodiösen Oberfläche immer auch zerrissen brüchigen Musik Weills ist es fast schon ein Sakrileg, von einem Schlager zu sprechen. Und doch zieht die Moritat, ziehen die Songs wie der Kanonensong, die Seeräuber-Jenny, die Zuhälter-Ballade oder die so bitterbös treffende Ballade von der sexuellen Hörigkeit, wie man es sonst eher nur vom Schlager kennt.

Es verwundert sehr, dass Malkowsky, just als jemand, der von der Oper kommt, vermehrt in die Songs eingreift, sie augenscheinlich willkürlich kürzt. Ohne dass ein dramaturgischer oder ästhetischer Grund erkennbar wäre. Sie somit ihrer inneren Zugkraft beraubt. Andererseits wird einiges auch im Prosa-Text gestutzt, dazu- beziehungsweise umgedichtet. Muss das sein? Vertrauen Malkowsky und ihr Dramaturg Thomas Blockhaus so wenig dem Brechtschen Original?

Möchte man heute die Dreigroschenoper inszenieren, so muss man sich emphatisch mit dieser eben skizzierten Konstellation konfrontieren. Immerhin muss es einer Inszenierung gelingen, eine „Oper“ auf die Bühne zu bringen, die „so prunkvoll gedacht war wie nur Bettler sie erträumen“ und die „doch so billig sein sollte, dass nur Bettler sie bezahlen können“ – wie es in Brechts einleitenden Worten so schön heißt.