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„Die Walküre“ ohne Walküren als Einakter

Theater Krefeld und Mönchengladbach : „Die Walküre“ ohne Walküren als Einakter

Das Theater zeigt eine Corona-taugliche Inszenierung vom ersten Aufzug des Wagner-Musikdramas. Kammermusikalisch und auf Abstand. Premiere am 4. Oktober.

Wagner ganz pur, den ersten Aufzug der Walküre in einer sehr kondensierten Form – darauf kann sich das Krefelder Publikum freuen. Und das einerseits wegen und so gesehen trotz Corona. Premiere ist am 4. Oktober um 18 Uhr.

Was hiesige Opernfreude besonders mit Glück erfüllen dürfte, ist die Ankündigung: Es wird diesmal nicht nur konzertant, wenngleich man eine besondere kammermusikalische Besetzung gewählt hat. Wagners Gesang, jener einzigartige Mix aus Sprechen und Singen, sich aufbäumen zu großen Phrasen und hinausseufzen von starken Worten, wird diesmal von zwei Klavieren, dem in diesem Werk so essenziell wichtigen Cello und Schlagwerk begleitet – reizvoll klingt das und mehr als neugierig machend.

Indes Corona hat nicht nur Einfluss auf die orchestralen Möglichkeiten. Auch inszenatorisch gibt es Hürden, Abstandsregeln, Hygienevorschriften und Co. Aber Regisseur Ulrich Proschka, so erzählte er uns im Rahmen eines Pressegesprächs, hat die notwendigen Beschränkungen wohl zum Anlass genommen, mit den Möglichkeiten kreativ ganz aus dem Kontext der Geschichte heraus zu spielen. Denn es geht in dieser Geschichte tatsächlich um Distanz, den Versuch einer latenten Annäherung, viel um Blicke, Worte und Gesten, die schließlich sich am Ende entladen. Und das trotz Verbote – die unausgesprochen im Raum stehen und noch mehr in der Musik Widerhall finden. Und das lässt sich ganz vortrefflich auch auf Abstand mit entsprechenden Bühnen-Akzenten (Ausstattung Udo Hesse) in Szene setzen. So wird die Bühne ein gewaltiger Tisch – der sonst in anderen Walküre-Inszenierungen auch eine tragende Rolle im Hause des „bösen“ Ehemanns Hunding spielt – dominieren. Dafür fehlt der Baum, in dem sonst das Schwert steckt. Man spielt mit einem „Kontaktverbot“, in einer Szenerie, die aus dem Heute schöpft, sich vielleicht im Umfeld eines Clans oder der Mafia finden ließe.

Wagners Musik spiegelt die Emotionen der Figuren

Das Schöne an Wagners Musiktheater ist, dass vollkommen unabhängig davon, was auf der Bühne passiert oder eben nicht passiert, die Musik schon soviel von dem verrät, was mit und zwischen den Figuren geschieht, dass es den Zuhörer auch so übermannt und mitreißen kann. Auch wenn es nicht in Wagners Sinne gewesen sein dürfte, denn er propagierte mehr und mehr eine synthetische Durchdringung von allen Aspekten seines musikalischen Dramas. Also sowohl Text, als auch Musik, Handlung, Bewegung, Bühne und sogar Kostüme und Co. sollten eine gesamtkünstlerische Einheit bilden. So spiegelt sich dennoch, je nach Schaffensperiode, sehr sprechend ein sehr genau gezeichnetes Gegenbild dessen, was die Figuren auf der Bühne fühlen und tun im satt gefärbten, durch Leitmotive durchknoteten Orchesterklang. Wobei der eigentliche Knochenbau, selbst wenn man das orchestrale Fleisch davon ablöst, also lediglich den Kern der Musik übrig lässt, die inneren musikalischen Beziehungen, auch schon alles in sich tragen. Spielt man Wagner auf dem Klavier, ist alles da – vielleicht braucht es aber ein bisschen mehr süß-bitteres Gift von seiner Instrumentationskunst, um schließlich auf der Bühne auch mit größerem Pinsel malen zu können.

Wenngleich wir diesmal auf jene Instrumentationskunst verzichten müssen, so wird Proschka die Geschichte dennoch in all seiner Zündkraft auf die Bühne bringen. Wenngleich ohne die große Einbettung in das Gesamte des „Rings“ mit Wotan, Brünnhilde und Co., so kann dennoch die Beziehung oder eben auch Nicht-Beziehung dreier Menschen, die Wagner in diesem in sich abgeschlossenen Stück skizziert, deutlich gezeichnet werden.

Ein zunächst getrenntes Zwillingspaar, das durch einen mehr oder minder eingefädelten Zufall aufeinandertrifft. Verbotene Liebe, die sich langsam ihren Weg an die Oberfläche bahnt. Siegmund, der gejagt hereinschneit und Sieglinde, die unterdrückte Ehefrau Hundings, ein sprechender Name übrigens, begegnen sich erst, ohne sich zu erkennen. Zwei scheinbar Fremde, die aber schon durch die Musik, durch ihre Seele verbunden sind. Der Störfaktor des Ehemanns, der dazustößt und in Siegmund schließlich den gejagten Feind entdeckt, fungiert schlussendlich als Katalysator für die Geschwisterliebe, die erst frei zündet, als sie durch gegenseitiges Erkennen klar zutage tritt. Von Schwertern und wunderbar ausführlichen Erzählungen rund um die Wotan-Götter-Ring-Geschichte ganz zu schweigen.

Als Gesangssolisten konnte man als Gäste Dorothea Herbert – sie war schon eine zauberhafte Rusalka –, jetzt frisch angereist aus Wien, und Markus Petsch verpflichten. Sie hätten übrigens auch in der ursprünglich geplanten Salome-Inszenierung gesungen. Letzterer zweit besetzt mit Tobias Haaks, Sieglinde wiederum wird fallweise auch von Eva Maria Günschmann gesungen. Die Rolle Hundings übernimmt Matthias Wippich.

Das kompakte Kammer-Ensemble, bestehend aus Erik Garcia Alvarez und Michael Preiser an Flügeln, einem Cellisten und Schlagzeuger von den Niederrheinischen Sinfonikern, geleitet von Andreas Fellner, wird ebenfalls auf der Bühne Platz finden müssen. Hinter dem eigentlichen inszenatorischen Geschehen. Man darf gespannt sein, wie sich die Wagner-Stimmen auf das von hinten herüber schallende Klavier-Schlagzeug-Cello-Gemisch legen werden.

Es kann auch unter Corona-Bedingungen und auf Abstand heißen: „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ und schließlich: „Braut und Schwester bist du dem Bruder – so blühe denn, Wälsungen-Blut!“ Etwas witzig ist indes, dass in dieser „Walküre“ keine einzige Walküre vorkommen wird, denn die begegnen uns erst im zweiten Aufzug.