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Die sprechenden Köpfe von Krefeld

Kunst in Krefeld : Die sprechenden Köpfe von Krefeld

Malte Jehmlichs (Sputnic) Installation in der Pförtnerloge spielt eindrücklich mit Welten zwischen Künstlicher Intelligenz und tiefgründiger Ästhetik.

Zwei kahlköpfig wirkende Silhouetten mit leblosen runden Augen fallen als Lichtschatten auf eine Stativleinwand. Im Wechsel zeigen sich Köpfe, die sich rudimentär bewegen, roboterhaft, mechanisch – nicht umsonst sind im Schattenbild Kabel ersichtlich, die vom Kopf zur Seite leiten, um eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen Kopf und Lenker, Kopf und Kopf hinter dem Kopf herzustellen. Roboterstimmen rezitieren englische Sätze. Es sind Stimmengeneratoren, die Worte aus Sprechbausteinen entstehen lassen. Das, was man sieht, wird auf die Leinwand geworfen von handelsüblichen Overhead-Projektoren, so welche, wie man sie aus der Schule kennt – gibt es sie eigentlich noch, immer noch?

Arbeit erscheint im Format
„Designkrefeld – Sichtbar“

Das, was dahinter steckt, die Idee, aber auch der – nennen wir es – technisch-materielle Unterbau sowohl der philosophisch-ästhetische Hinterbau, ist beileibe nicht so banal, wie die simple Projektion aufs Erste vermuten lässt. Alles andere wäre auch ein Wunder, wenn man um den Schöpfer dieses Projektes weiß. Malte Jehmlich von Sputnic, jene Macher, die für ihre mit gewitzten Mitteln gefügten nicht nur visuellen und nicht nur Bühnenzauber bekannt sind. Immerhin beleben die Krefelder Schnittstellen zwischen Design, Medien und Kunst mit preiswürdigen Produkten und Produktionen, wie zuletzt mit „IOTA.KI“.

Mit „KI“ also künstlicher Intelligenz oder auch dem Diskurs über uns und unsere Beziehung zu diesen „lernenden“ Maschinen, sind wir just auch bei dem Thema dieser in der Fabrik Heeder in der dortigen Pförtnerloge befindlichen Installation. Die Arbeit erscheint im Ausstellungsformat „Designkrefeld – Sichtbar“. Es ist eine Kooperation vom Kulturbüro der Stadt Krefeld mit dem Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein. Die Eröffnung war im Rahmen des A-Gangs 2020 geplant, der wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden musste. Nun ist die Arbeit bis zum 10. Januar zu sehen.

„Talking to Strangers“, mit dem Untertitel versehen „Ein Chat-Raum für Menschen und Maschinen“, bringt die von Sputnic bekannte Kunst per Live-Animation mit Automation zusammen. Und digitalen Vernetzungen. Denn die „Sprechenden Köpfe“, die sich mit ihrer rein ästhetischen Stimmung schon sehr reizvoll in das Ambiente der Pförtnerloge fügen und einen speziellen Akzent setzen, sind nicht bloß Automaten. Wäre die Installation eine Art analog live animierte durch ein Programm gesteuerte Apparatur, die bewegte und „sprechende“ Bilder auf eine Leinwand projiziert, wäre sie schon in ihrer Ästhetik spannend genug.

Doch es gibt eine weitere Dimension, und jene ist ein Augenöffner. Die Sprachgeneratoren, dies sind Programme, die aus geschriebenen Texten gesprochene Worte basteln, können nämlich auch durch ein Internet-Portal gesteuert werden. Über das Netz also. Wer gerade schreibt oder sagen wir eher „spricht“, weiß derjenige nicht, der auf der anderen Seite der Apparatur ist – es sind immer zwei Figuren im Dialog. Ist es eine Maschine, eine künstliche Intelligenz, eine Art Antwort-Maschine, die nach vorgefertigten Programmierungen auf Fragen bestimmte Rückantworten mehr schlecht als recht gibt, oder ist es vielleicht ein realer Mensch, der gerade eines der beiden Chat-Avatare, also die projizierten Figuren, mit sprachlichen Inhalten durchs Tippen in ein Eingabefeld bedient. Jeder kann sich offen einbringen, der die entsprechende Internetseite besucht.

Das in der Heeder vor Ort mit sehr simplen, aber geschickten Mitteln hergestellte bewegte Bild wird zeitgleich per Webcam gestreamt; ist für den Chatter auf der Webseite sichtbar. Mehrere Ebenen greifen ineinander. Wer ist hier derjenige, der aktiv agiert, wer reagiert? Verändert die Reaktion meine Aktion und umgekehrt? Und werde ich dadurch, dass ich Teil dieses Settings werde, selbst zu einem Rädchen im System? Sogenannte Chatbots – eben jene Roboter, die „scheinbar intelligent“ auf unsere sprachlichen Akte reagieren sollen, werden in der grandiosen Arbeit von Malte Jehmlich, die Entwicklung der Web-Komponenten stammt von Lukas Besch, sowohl bloßgestellt als auch ausgestellt. Zeitgleich werden wir als Nutzer und Teil des Nutzersystems ebenfalls Figuren einer Inszenierung. Mitmachen!