Der Kirschgarten: Theater flutet Bühne

Der Kirschgarten: Theater flutet Bühne

Für die Premiere von „Der Kirschgarten“ wird am Samstag die Bühne unter Wasser gesetzt. Die beunruhigende Wirkung ist gewollt.

Krefeld. Bei diesem Anblick bekommen Hausbesitzer feuchte Augen. Ein Raum steht unter Wasser, die antiken Möbel und das Klavier werden nass. „Der Handlungsbedarf ist für jeden sichtbar. Es ist klar: Hier muss etwas passieren“, sagt Gabriele Trinczek, die ihr Bühnenbild zu „Der Kirschgarten“ mit sechs Tonnen Wasser flutet. Und noch ein Effekt ist gewollt: „Man fragt sich: Ist das nicht gefährlich für das Theater?“

Vor der heutigen Premiere lässt sich die Sorge klar zerstreuen. Die Bühne ist mit Lkw-Plane verkleidet, und im Notfall fließen die Wassermassen durch zwei Schwimmbad-Abflüsse binnen Minuten weg. Auch die Schauspieler haben keinen Schnupfen zu befürchten: „Das Wasser ist 32 Grad warm, außerdem tragen sie Thermopren-Anzüge“, erklärt Trinczek.

Doch die beunruhigende Wirkung bleibt, und genau so soll es sein. Anton Tschechows Tragikomödie spielt in Krisenzeiten, im Umbruch kurz vor der Russischen Revolution. Eine Familie streitet um die Frage, ob sie den geliebten Kirschgarten verkaufen soll, um ihre finanziellen Probleme zu lösen. „Der Garten steht für Schönheit und Lebensrausch, für alles, was kein Geld bringt“, erklärt Regisseur Matthias Gehrt. „Dagegen steht die Frage der Notwendigkeit.“

Es ist nicht schwer, in dieser Konstruktion Parallelen zur Gegenwart zu erkennen. „Wir spüren heute auch: So wie es ist, kann es nicht bleiben“, sagt Gehrt und lässt offen, ob er die Schuldenkrise meint, die Umweltzerstörung oder die Schere zwischen Arm und Reich. „Das Stück handelt von der Trägheit im Moment der Veränderung.“

Abseits dieses theoretischen Überbaus hat das Wasser auch eine sinnliche Seite, die niemandem im Publikum entgehen sollte. Die Schauspieler tanzen im Wasser, sie spielen damit, spiegeln sich darin, und natürlich werden sie nass. „Wir waren selbst überrascht, welche Effekte daraus entstehen“, sagt Gabriele Trinczek. Ein Hauch Schönheit und Lebensrausch mitten im überschwemmten Paradies.

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