„Der goldene Drache“ von Peter Eötvös beeindruckt im Stadttheater

Bühne : Skurrile Szenen im Schnellimbiss

Die Erstaufführung des Musiktheaterstücks „Der goldene Drache“ von Peter Eötvös beeindruckt im Stadttheater.

In der blutenden Zahnlücke sitzen fünf Chinesen und beschweren sich: „Du hast uns nicht angerufen!“ „Der Kleine“ hat keine Antwort, er hat seine Schwester noch nicht gefunden, seine Zahnschmerzen sind unerträglich, zum Arzt kann „der Kleine“ nicht, er hat keine Papiere, der herausgerissene Zahn fliegt durch die Luft in den Wok, landet in der Suppe der Stewardess, die Enkeltochter des Alten erwartet ein Kind, der Mann tobt, vergewaltigt die Grille, die Grille kann dem Alten die Jugend nicht zurückgeben, die Ameise zwingt die Grille zu tanzen, dafür kriegt sie etwas zu essen, aus 10 000 Kilometer Höhe sehen die Stewardessen auf dem Wasser ein Boot, der Kleine findet seine Schwester nicht, er verblutet,  wird in den Teppich des goldenen Drachen gewickelt, von der Brücke geworfen.

Der tote Kleine tritt die Heimreise an, fühlt sich seiner Schwester ganz nah, sie ist ebenfalls tot. „War ein langer Weg. Ich habe einen Zahn verloren!“

Die skurrilen Szenen  reihen sich wie atemlos aneinander. „Der goldene Drache“, die Erstaufführung des Musiktheaterstücks von Peter Eötvös mit dem Libretto von Roland Schimmelpfennig nach seinem gleichnamigen Schauspiel, fand jetzt im Stadttheater  statt und beeindruckte.

Darsteller verwandeln sich
in verschiedene Figuren

In einem asiatischen Schnellimbiss treffen die versprengten, verlorenen Menschen aufeinander, in skurrilen Szenen entfaltet sich das Bild der unglücklich um ihr Überleben kämpfenden Menschen. Fünf Darsteller verwandeln sich innerhalb des Stückes in verschiedene Figuren, schlüpfen unmittelbar in andere Rollen, die junge Frau in den Kleinen, die Frau über 60 unter anderem in die Ameise, die Köchin, der Mann über 60 unter anderem in den Großvater, den Freund der Enkeltochter, die Stewardess, und dies in rasantem Tempo unmittelbar vor den Augen des an den Seiten der Bühne sitzenden Publikums.

Beeindruckend neben der schauspielerischen Leistung, die allen einiges abverlangte, war auch die sängerische Präsenz. Panagiota Sofroniadou, als Mitglied des Opernstudios überaus überzeugend, Monica Marcus, James Park, Peter Koppelmann und Rafael Bruck spielten und sangen mal weibliche, mal männliche Rollen, was den Eindruck erweckte, im Restaurant tummeln sich die verschiedenen Wesen.

Eötvös komponierte zu dieser provozierenden Szenenfolge eine  klangintensive Musik, rhythmische Klangwiederholungen, pointilistische Passagen, illustrierend und interpretierend zum Geschehen auf der sparsamen Bühne. Gesprochener Text verwandelt sich in gesungenen. Zwischendurch wird die Handlung durch Sprechgesang verdeutlicht.

Yorgos Ziavras leitete die Musiker der Niederrheinischen Sinfoniker präzise, außerordentlich engagiert und hielt, trotz der extremen Differenzierung, auf diese Weise das gesamte Ensemble zusammen. Die Bilder, die Petra Luisa Meyer auf die Bühne brachte, für die Kostüme und die Bühne war Dietlind Konold verantwortlich, bildeten mit Musik und Darstellung eine intensive Einheit.

Es war eine beeindruckende Aufführung eines zum Nachdenken zwingenden Stückes. Das Publikum drückte seine Anerkennung durch langanhaltenden Beifall aus, der alle am Stück beteiligten Künstler viele Male auf die Bühne holte.

Mehr von Westdeutsche Zeitung