Kultur in Krefeld: Debutroman über die Unmöglichkeit einer Liebe

Kultur in Krefeld: Debutroman über die Unmöglichkeit einer Liebe

Svenja Gräfen stellt im Rahmen des Literarischen Sommers ihren Debutroman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ vor.

Krefeld. Auf der Bühne steht ein roter Tisch mit zwei roten Stühlen. Am Boden liegt ein schwarzer Rucksack. So einer, wie er zurzeit bei vielen jungen Erwachsenen wieder modern ist, aber trotzdem nicht als totales Trendaccessoire gilt. Etwas, dass sich später auch in Svenja Gräfens Debutroman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ wiederfinden lässt.

Wirklich neu ist das Auftreten vor einem Publikum für die Berliner Autorin nicht, wie Maren Jungclaus, Moderatorin des Abends, feststellt: „Auf den literarischen Brettern dieser Welt bist du ja als Poetry Slammerin schon lange zu Hause.“ In der Tat hat Gräfen schon 2010 den Poetry Slam für sich entdeckt und sich seitdem mit ihren Texten dem Urteil des Publikums gestellt. Völlig unglamourös gesteht die 1990 geborene Autorin, dass sie bei ihrem ersten Slam in der ersten Runde herausgeflogen ist: „Ich war unglaublich schlecht.“ Sie hat sich gesteigert und stand dann 2011 im Finale der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaft.

Mit ihrem Debutroman hat sie zeitgleich zu ihrer Poetry Slam-Karriere angefangen. Gräfen hatte nicht immer klar vor Augen, wo es mit dem Roman hingehen soll, wie sie gesteht: „Es war wie puzzeln. Ich war zum Teil selbst total verwirrt. Und dann ergab alles irgendwann eine Ordnung“, sagt die Berlinerin. Aus dieser Ordnung ist ein Roman entstanden, der die Geschichte der Protagonistin Lene erzählt. Zu Lenes Leben gehören ihre Freundin Hanna, mit der sie anfangs in einer Wohnung zusammen wohnt, und ihr Bruder Jaro. Und irgendwann, von einen Tag auf den anderen, auch Hendrik.

Hendrik und Lene lernen sich an einer U-Bahn-Haltestelle kennen und aus einem kurzen Gespräch wird eine Einladung zu Lene nach Hause, woraus sich dann wiederum eine Übernachtung entwickelt und letzten Endes eine Beziehung. Eine Beziehung, die anfangs vor allem aus lebendigen und abwechslungsreichen Ereignissen besteht.

Svenja Gräfen, Autorin

So wird ein Einkauf im Supermarkt kurzum zu einer Szenerie für ein fiktives Streitgespräch zwischen Lene und Hendrik, um die anderen Kunden zu unterhalten. Lebensmittel werden gekauft, die Hendrik alle in den interessantesten Kombinationen in Lenes Küche zu Gerichten komponiert. Und immer ist Gräfen ganz nah am Geschehen. Mit ihrer Art der detaillierten Beschreibung hat der Leser den Eindruck, er sitze ebenfalls in Lenes Berliner Wohnung und probiere die ausgefallenen Kochkombinationen, die Hendrik zaubert.

Gräfen lässt mit ihrem Sinn für Akribie Bilder im Kopf der Zuhörer entstehen. Bilder vom Berlin, wie die Frischverliebten es wahrnehmen und Bilder der Beziehung von Hendrik und Lene. Gerade dieser detaillierte Schreibstil prägt den ersten Teil des Romans. Bevor es dann jedoch eintönig werden könnte, passiert etwas. Hendrik soll zu Lene ziehen, doch er kommt nicht. Sie wartet stundenlang auf ihn, doch er taucht nicht auf. Die Beziehung und Lenes Sicht auf den entspannten und lockeren Typen bekommen Risse. Als er dann spätabends doch mit einem Karton unter dem Arm an Lenes Tür klingelt, wird nicht thematisiert, was geschehen ist, doch dieser Moment kennzeichnet eine Wende in der Beziehung der beiden.

Im Folgenden kommen verschiedene Puzzlestückchen zueinander und Lene erkennt, dass mit Hendrik etwas nicht stimmt: „Ich sehe es in seinem Blick — da keimt eine Panik auf.“ Immer wieder kommen diese Zustände, in denen Hendrik alles zu viel ist, er sich verkriecht und Lene sich um alles kümmern muss, bis er „dann wie aus dem Nichts wieder da ist“.

Bewusst benennt Gräfen diesen „Zustand“ nicht, in dem sich Hendrik zeitweise befindet, wie sie anschließend dem Publikum erklärt: „Es ist kein Buch über eine Depression, sondern die Geschichte über eine Unmöglichkeit einer Liebe“, so die Autorin. Ein Roman also, der etwas von der angesagten Berliner-Szene-Literatur hat, in der einer der Protagonisten an einer psychischen Erkrankung leidet. Irgendwie etwas, dass derzeit schon im Trend zu sein scheint, so wie der Rucksack, der an dem einen Ende des Tisches liegt.

Mehr von Westdeutsche Zeitung