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Das Wahrzeichen vom Inrath

Das Wahrzeichen vom Inrath

An der Girmesgath stehen architektonisch wichtige Objekte der Zeitgeschichte.

Krefeld. Ein großes Kulturerbe fristete lange Zeit ein Schattendasein im Krefelder Norden: Die Verwaltung und andere Gebäude der Verseidag an der Girmesgath. Hans-Peter Schwanke schreibt in seinem 1996 erschienenen „Architekturführer Krefeld“ den Gebäuden „modellhaft die grundlegenden Ideen einer neuen Industriearchitektur“ zu.

Zugleich stellten sie „die einzige Auseinandersetzung Mies van der Rohes mit dem Fabrikbau“ dar. Die städtische Denkmalbehörde sieht in den Gebäuden ein Beispiel „einer ab 1933 aus ideologischen Gründen unterdrückten Kunst- und Architekturauffassung, die richtungsweisend für die Architektur des 20. Jahrhunderts geworden ist.“

Kennzeichnend für die Gebäude ist, dass Mies van der Rohe für die Industriebauten nicht den traditionellen Backstein verwendete, sondern Beton, Glas und Eisen. Die Baukörper lassen eine strikte geometrische Vereinfachung erkennen. „Kennzeichnend“, so Schwanke, seien die klaren, kubischen Körper mit großen, fast etagenhohen Fenstern.

Hans-Peter Schwanke in seinem Architekturführer Krefeld

Der Gesamtkomplex auf einem Areal von insgesamt acht Hektar umfasst architektonisch wichtige zeitgeschichtliche Objekte, die unter Denkmalschutz stehen (siehe Kasten). Imposant schließen sich an das HE-Gebäude (Herrenausstattung) und die Shed-Hallen das alte 18 Meter hohe Kesselhaus mit seinem 75 Meter hohen, gemauerten Schornstein an. Er wurde zum Wahrzeichen an der Girmesgath und vom Inrath.

Gegenüber der Turbinenhalle stehen auch das Pförtnerhaus und die Schlichterei unter Denkmalschutz. Ergänzungen und Erweiterungen stammen von Erich Holthoff, einem Mies-Schüler. Er hielt sich dabei detailgetreu an seinen großen Lehrer.

Der ehemalige Bauhausdirektor und Architekt hatte 1931 vor seiner Auswanderung in die USA den Auftrag erhalten, für die Vereinigten Seidenwebereien einen Produktions- und Verwaltungsbau, das so genannte HE-Gebäude zu entwerfen. Ludwig Mies van der Rohes Anspruch auf die Bedeutung des Wesentlichen ist heute sprichwörtlich: „Weniger ist mehr“. Das wird auch in der Verseidag-Architektur sehr plastisch.

1999 stellten die Behörden den Komplex unter Denkmalschutz. Die aufwändige Restaurierung erfolgte vor rund zehn Jahren. Das Ziel war, den Originalzustand wieder herzustellen. In einem ersten Bautakt versuchte der Krefelder Architekt Karl-Heinrich Eick die nach den Regeln des Bauhauses konzipierte „freie Raumordnung“ wieder herzustellen.

Das Düsseldorfer „raumkontor“ war für die Innenarchitektur verantwortlich. Die Restaurierung erfolgte in enger Abstimmung mit den städtischen Denkmalpflegern.

Als Wolf-Reinhard Leendertz, alleiniger Geschäftsführer der Grundstücks-Verwaltungsgesellschaft Girmesgath GmbH, Ende 2009 bei der Standortsuche das HE—Gebäude kennenlernte, fühlte sich der Unternehmer (Krahnen und Gobbers) inspiriert durch den „Mies-van-der-Rohe-Effekt“. Mit Investitionen von rund fünf Millionen Euro realisiert Leendertz erfolgreich den „Mies van der Rohe Businesspark“.

Georg von Houwald, Architekt

Architekt Georg von Houwald skizziert die weiteren Restaurierungsschritte in dem Ensemble. So werden die Shed-Hallen derzeit von Anbauten befreit und künftig wieder frei stehen. Derzeit werden in den Hallen die Fundamente neu gegossen. Im südwestlichen Bereich entstehen neue Parkplätze. „Überwiegen sollen aber die Grünflächen“, betont der Architekt. Ein Grünzug aus über 50 gepflanzten Stieleichen schirmt das Areal im Osten künftig optisch vom benachbarten Discounter ab.

Das Denkmal: Zum geschützten Verseidag-Komplex gehören an der Girmesgath 5/7: Das HE-Gebäude (Herrenausstattung), die Färberei mit den neun Shed-Hallen, die Warendurchsicht mit Uhrturm, die Schlichterei und das Pförtnergebäude. Die Kessel- und Turbinenhallen stehen nicht unter Denkmalschutz.