Das Theater am Marienplatz ehrt Urs Peter Schneider zu seinem 80. Geburtstag.

Theaterpremiere : Mit Charme, mit Witz und auch mit Poesie

Das Theater am Marienplatz ehrt Urs Peter Schneider zu seinem 80. Geburtstag: Erst viel Form, dann hinreißende Miniaturen zum Schluss.

Der Schweizer Urs Peter Schneider wird am 14. Februar 80 Jahre alt, und das würdigen natürlich die „Tamilen“, sprich: Pit Therre und sein Ensemble vom Fischelner Theater am Marienplatz, kurz Tam genannt. Denn Schneider gehört seit Jahrzehnten zu den Hausautoren und -komponisten der kleinen Avantgardebühne. Unter dem Titel „Auch wir gratulieren Herrn Schneider zum 80.“ präsentiert das Tam in seinem Februar-Programm immerhin sechs Stücke aus Schneiders umfangreichem Werk, darunter sind drei Uraufführungen.

Es startet mit den „Drei Melodramen“, dieses Stück ist eine der Uraufführungen. Nina Sträter und Karsten Lehl treten als Sprecher auf, Pit Therre und Alfred Pollmann bedienen teils allein, teils vierhändig das Piano. Pollmann trägt eine Frauenperücke, da eigentlich ein Pianist und eine Pianistin zur Ausführung vorgesehen sind, das Tam-Ensemble derzeit aber nicht über eine Pianistin verfügt.

Ein Melodrama
ohne zu viel Dramatik

Dieser nicht notwendige Schabernack nötigt einem ein kurzes Schmunzeln ab, das sich aber schnell verflüchtigt. Die Melodramen werden undramatisch ausgeführt, man darf von Absicht ausgehen. Wie häufig in Schneiders Stücken, müssen sich die Akteure streng an konzeptionell geformten Strukturen abarbeiten.

Sträter fordert im ersten Part „Zugriff“ zum Erwerb absurder Produkte auf. Da ist etwa von einem „ergonomisch viel geprüften Außenthermometer“ die Rede. Im abschließenden Teil „Abpfiff“ benennt Lehl nicht weniger absurde Handlungen: „Sehen Sie, ob Edeltraut das Wolkenkratzermonster tötet.“ Das ist im Detail witzig, als zusammenhanglose Reihung aber schnell langweilig.

Im Mittelteil „Dünnschliff“ kommen die beiden Akteure ins Gespräch, wie es scheint über die Kunst und das Theater. Auch das geschieht, übrigens ebenso undramatisch am Piano untermalt, leidenschaftslos. Und der Sinn? Soll hier etwa die Sinnlosigkeit einer konventionellen Paarbeziehung demonstriert werden? Das bleibt offen.

Es folgen „Walpurgisnachtstraum“, ein „Tonbandstück für zwölf Stimmen“, das lediglich von einem Tonträger abgespielt wird, „Die Wiegen des Wesens“, ein Stück fürs Bandoneon, das Pit Therre aufführt, eine Auswahl der „Texte für als mit zur Musik“ sowie das Lesestück „Achtzig“. Über all diese lässt sich mehr oder weniger Ähnliches feststellen wie über die undramatischen Melodramen zu Beginn: In allen Stücken überdeckt viel Form das Agieren, bestimmen Konzepte die Sprache und das Handeln, entsteht zu oft ein kaum fesselndes Nebeneinander.

Aber dann nimmt der Abend doch noch Fahrt auf. An fünf Tischen sitzen Stefan Hölker, Björn Kiehne, Gereon Bründt, Dieter Kaletta und Pit Therre. Sie präsentieren eine Auswahl aus „Rezepte“, einer Sammlung von szenisch-musikalischen Miniaturen.

Jede kleine Szene hat ihren eigenen Charme, ihren eigenen Witz. So trägt Kaletta eine vernichtende Kurzkritik zu Schillers „Räuber“ vor und imitiert dabei stimmlich ein wenig den Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki. Hinreißend auch das Glockengeläut von Gereon Bründt. Das Geläute erschallt aus einem Kassettenrekorder, den Bründt an einem Gummiband auf und nieder schwingen lässt. Ein irres Bild.

Und wenn Kaletta einfach nur dem Abbrennen einer Wunderkerze zuschaut, dann wird’s sogar ein wenig poetisch.

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