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„Carmen“ wird am Theater Krefeld fast konzertant

Oper : „Carmen“ fast konzertant

Bizets Oper wird am Theater Krefeld aufgeführt. Unter Corona-Bedingungen in einer besonderen Version umrahmt von Videosequenzen von Kobie van Rensburg.

Denkt man an Georges Bizets Oper Carmen, so kommen einem opulente Szenen voller bunter Kostüme in den Sinn. Doch die auch deshalb und wegen dem eingängigen musikalischen Material so beliebte Oper kann unter den gegebenen Corona-Bedingungen, die vor allem Abstände auf, hinter und vor der Bühne fordern, nicht in der Form erlebbar gemacht werden, wie man es vielleicht erwarten würde. Doch ist es nichts Schlechtes, wenn Corona dazu führt, dass mit Gewohnheiten gebrochen wird, heißt es auch schlussendlich, dass wir die Premiere der Carmen am Theater Krefeld weniger als vollwertiges Musiktheater erleben werden, sondern eher als eine besondere Art der konzertanten Aufführung.

Kobie van Rensburg führte schon bei der „Zauberflöte“ Regie

Grundsätzlich kann Musiktheater auch mit Abstand und unter Corona-Regeln denkbar sein – es liegt viel daran, welches ästhetische Konzept man sich aussucht, welches Stück und vor allem wie die örtlichen Beschaffenheiten sind. Dass man sich dann just für ein Werk wie Carmen entscheidet, ist ungewöhnlich – doch spricht man mit den Machern, letztendlich nachvollziehbar.

Der Regisseur Kobie van Rensburg, der Mozarts „Zauberflöte“ als eine bunte Science-Fiction-Show am Gemeinschaftstheater präsentierte, wurde eingeladen, für diese sowohl vom orchestralen als auch sonstigem Umfang reduzierte „Carmen“, wie er sagt, einen „Rahmen“ zu schaffen. Dabei verzichtet der Südafrikaner bewusst darauf, die Szene in Szene zu setzen, hat weder die Sänger kostümieren lassen, noch sie szenisch angewiesen, sondern arbeitet nur mit Videoprojektionen. Jene werden sich – so die Idee – wohl wie eine weitere ästhetische Ebene oder vielleicht auch Perspektive vor, auf oder hinter das Stück, die Musik, den Text legen. Sie sind vorproduziert mithilfe des Ballett-Ensembles und werden auf Projektionsflächen abgespielt, die an Spielkarten erinnern.

Jene Spielkarten spielen in „Carmen“ eine gewisse schicksalhafte Rolle, und sie sollen hier die Folie liefern, auf denen van Rensburg die Geschichte um die Figuren herum kommentiert. Dabei beschäftigen ihn, so erklärte er, auch Aspekte von „MeToo“ und Gewalt gegen Frauen, die sich in Kontext mit der Carmen-Geschichte setzen ließen. Themen, die in seiner Heimat leider im Fokus stehen würden.

Die Figuren in der Oper seien durchaus mehrdimensional in ihren Beziehungskomplexen, würden aber auch selbst jeweils eine teilweise problematische Vergangenheit mit sich herumtragen. Ohnehin ist die Figur der Carmen, der schließlich auch Don José verfällt, wird sie bisweilen auch unterkomplex inszeniert, gewiss eine der vielschichtigeren Figuren der Operngeschichte.

Wegen Corona mussten die Chorszenen gestrichen werden, es kann keine Kontakte zwischen den Sängern geben, und das auf Kammergröße geschrumpfte Orchester spielt eine reduzierte Fassung der Musik Bizets von Gerardo Colella. Dass man sich aber dennoch für die – auch wegen Corona – gut 80 Minuten, ohne Pause, dirigiert von Generalmusikdirektor Mihkel Kütson, entschieden hat, einen Regisseur einzuladen, mag mehrere Gründe haben. Einerseits weil in dieser hybriden – van Rensburg betont, es sei keine halbszenische Aufführung, von denen er eh nur wenig halte – Form gewiss Charme steckt, andererseits, wie bei so vielen Dingen in diesen Zeiten, wohl auch aus weniger hochtrabenden, sondern praktischen Überlegungen.

Denn so ganz ohne Musiktheater möchte man, betonte Dramaturgin Ulrike Aistleitner, das Publikum nicht durch die Saison lotsen. Und wenn schon großer Opern-Pomp, sei er auch postmodern und brüchig als Überschreibung gedacht, was schön gewesen wäre, nicht geht, so soll zumindest die Essenz der Oper in eine schöne Form gebracht werden. Und diese Essenz ist schlussendlich das, was passiert, wenn Sänger ihre Partien aus ihrem Innern heraus interpretieren und sich dies schließlich mit den Rahmenbedingungen mischt. Gut, diese sind diesmal weniger die Szene, das Bühnenbild und Co., sondern viel mehr die Musik, ganz pur und rein und die gesangliche Darstellung der Künstler. Jene ist immer da, auch wenn es keine „Eingriffe“ seitens der Regie gibt.

Diese Eingriffe gibt es aber auf den Videoprojektionen, die zu sehen sein werden. Denn dort spielt man mit Umschreibungen, wie etwa der Ambiguität am Ende des Stückes, wer hier wen erstochen habe – mehr verraten wir hier nicht. Und man spielt mit simultanen Zeitabläufen, vermutlich. Denn das Synchronisieren von vorgefertigtem Video und live spielendem Orchester ist eine Sollbruchstelle, mit deren reizvoller Qualität diese Produktion gewiss auch spielen wird. Vorgefertigt soll es übrigens auch eine gewisse Rolle für den Chor im Finale geben – der leider nur von Band singen darf.

David Esteban als Don José, Eva Maria Günschmann als Carmen, umrahmt von Escamillo (Rafael Bruck) und Micaela (Sophie Witte), um nur diejenigen Rollen zu nennen, die von Irene van Dijk, Alessandro Borghesani, Marco A. Carlucci und Chantal Hinden vom Ballettensemble auf Video verkörpert werden, gestalten mit ihrer Präsenz wohl die eigentliche Magie dieses Konzeptes. Magie, die sich mehr im Kopf abspielen wird. Wie dies alles gelingt, kann man bei der Premiere am 12. September und in folgenden Aufführungen erleben.