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Buchtipp: Alle behindert! von Horst Klein aus Krefeld

„Alle behindert!“ : Buchtipp: Haben nicht alle ihre persönlichen Macken?

Serie Kultur trotz Corona: Das neue Buch des Krefelder Illustrators Horst Klein erzählt von Menschen mit Behinderungen.

Da hat er sich geärgert. Der Krefelder Horst Klein hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Junge hat Trisomie 21 und ging in die Inklusionsklasse einer Krefelder Grundschule. „Wir haben viele Kindergeburtstage gefeiert“, erzählt Horst Klein, „aber Gegeneinladungen hat mein Junge nie bekommen.“ Das wollte der bekannte Kinderbuchautor gewissermaßen so nicht stehen lassen und hat eine Idee dazu entwickelt. Herausgekommen ist dabei ein etwas anderes Bilderbuch. „Alle behindert!“ ist im Herbst im Klett Kinderbuch Verlag erschienen, und geht nun schon in die dritte Auflage.

Dass er das System Schule nicht alleine verändern kann, war Klein klar. Die Inklusion behinderter Kinder an Regelschulen ist ein umstrittenes Thema. Sein Ansatzpunkt war daher, die sogenannten „normalen“ Kinder und ihre Eltern besser informieren zu wollen, und zwar so, wie er das am besten kann: auf leichte und spielerische Art.

Der Titel des Buchs bringt schon Ironie ins Spiel. „25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild“ soll „Alle behindert!“ darstellen. Gleich 25? Der Witz ist, dass Klein neben Kindern, die Behinderungen haben wie Trisomie 21, Querschnittslähmung, Gehörlosigkeit und andere, auch solche porträtiert, die – sagen wir einmal – Charakter- oder soziale Schwächen haben: die Rüpelin, den Essensnörgler, den Angeber oder den Mediensüchtigen.

Die Botschaft Kleins ist bestechend einfach: Alle Kinder sind besonders, alle haben ihre Eigenarten. Und deswegen sollte man auch allen individuell begegnen, Beeinträchtigungen hin oder her.

Die 25 „Sonderfälle“ werden alle in der Form präsentiert, die man aus den in der Grundschule beliebten Freundebüchern kennt. Den fiktiven Kindern Anna, Julien und so weiter ist jeweils eine Seite gewidmet, in deren Zentrum eine liebenswerte Portraitzeichnung steht. Drum herum sind Standardrubriken aus den Freundebüchern aufgeführt: „Mag gerne“, „Mag weniger“, „Lieblingssatz“ und eben „Behinderung“ sowie viele mehr. Ein Cartoon rundet jede Seite ab.

Manchen war das Buch
für dieses Thema zu witzig

Horst Klein ist ein gewissenhafter Mensch und hat das Thema leicht gestaltet, aber nicht auf die leichte Schulter genommen. Er hat umfänglich recherchiert und ist dabei zunächst schnell an Grenzen geraten. In seinem persönlichen Umfeld stieß seine Idee, präsentiert mit Musterseiten aus dem zukünftigen Buch, teilweise negativ auf. „Manchen war das dann auch zu witzig“, berichtet er.

Seine Verlegerin Monika Osberghaus, die als Mitautorin des Buches fungiert, hatte dann die Idee, bei Facebook einen Aufruf zu starten. „Der Input war enorm“, erzählt Klein. Das Buch basiert auf 250 von Kindern und ihren Eltern eingereichten „Steckbriefen“. Die Typen im Buch wurden aus vielen Einzeldarstellungen zusammengemischt. Autor Horst Klein bedient sich also der Zuspitzung, einer gängigen Methode in der Kunst.

„Klischees ließen sich dabei nicht immer vermeiden“, räumt Klein ein, „aber manche Klischees stimmen auch einfach.“ Aus der Community der Behinderten kam darüber hinaus die Kritik, dass Klein zu sehr verharmlose. Etwa in diesem Sinne: Ein Rüpel könne sich ändern, eine Gelähmter aber bleibe sein Leben lang gelähmt.

Kleins Ziel, Eltern behinderter und nicht behinderter Kinder sowie diese selbst miteinander ins Gespräch zu bringen, erreicht das Buch aber vielleicht gerade deshalb: Es polarisiert und bietet Diskussionsstoff. Und dann gibt es eben auch viel zu Schmunzeln. Nur ein Beispiel unter ganz vielen: „Mach mal Licht an, ich kann Dich nicht verstehen“, lautet der Lieblingssatz der gehörlosen Grethy.

Auf drei Empfehlungslisten hat es „Alle behindert!“ bisher geschafft: die Bestenliste Januar des Deutschlandfunks, den Lesekompass der Leipziger Buchmesse und die Longlist für das Wissenschaftsbuch des Jahres 2019. Viele Lehrer benutzen das Buch im Unterricht, weiß Horst Klein zu berichten – und das freut ihn besonders. So gibt es vielleicht demnächst mehr Geburtstageinladungen für Kinder wie seinen Sohn.