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„Gehen, Ging, Gegangen“: Buch über die Begegnung mit Flüchtlingen

„Gehen, Ging, Gegangen“ : Buch über die Begegnung mit Flüchtlingen

Jenny Erpenbeck hat sich auf einen Weg gemacht und sagt: „Ich konnte vorher nicht sagen, was in dem Buch steht. Ich musste schauen, was denn passiert.“

Krefeld. Dass die Krefelder großen Anteil am Schicksal der Flüchtlinge nehmen, zeigte sich jetzt wieder in der Volkshochschule. Schriftstellerin Jenny Erpenbeck las vor ausverkauftem Haus aus ihrem jüngsten Roman „Gehen, Ging, Gegangen“.

Literaturwissenschaftler Theodor Pelster stellte die Autorin und ihr Werk vor. „Geschichte lernt man aus Geschichten“, sagte er mit Bezug auf „Heimsuchung“ (2007). In diesem Buch sei er der Autorin zum ersten Mal begegnet. Schon dieser Titel berge doppelte Bedeutung. Wie es sich mit „Gehen, ging, gegangen“ verhalte, wollte Pelster wissen: „Sind das bloß Kategorien der Grammatik oder bedeutet es mehr?“, fragte er und beantwortete: „Das lateinische Wort für gehen ist migrare“, sagte er.

Im Titel also des neuen Romans, erschienen 2015 bei Knaus, geht es um die Begegnung mit Flüchtlingen, zugleich verweisen die Stammformen des Verbs gehen auf die so wichtigen Sprachkurse für die Menschen aus Afrika oder Asien. Erpenbeck las drei Passagen. „Ich beginne mit dem Anfang, damit Sie Richard kennenlernen“, sagte sie. Richard, emeritierter Professor, ist eine der Hauptpersonen. In seinem Haus am See schreitet er durch die Räume und durch seine Gedankenwelt. Dann sucht er die Begegnung mit den Flüchtlingen.

In einer zweiten Passage schildert die Autorin, wie die imaginäre Gestalt eines Flüchtlings aus Ghana in der Villa Richards aus der Vergangenheit erzählt. Andauernd ist er dabei mit einem Besen zugange — Kulturen und Gesellschaftsschichten stoßen aneinander. Die ewig gleiche Bewegung des Ausfegens hat ihren sprachlichen Spiegel in Satzwiederholungen wie „Ich schaute nach vorn und nach hinten und sah nichts“.

In einem weiteren Abschnitt geht es um den Kauf eines Grundstücks in Ghana, der in mystischer Form mit Bargeld in einem Berliner Hinterhof stattfindet. Hier gestatteten die Zuhörer sich denn doch — trotz des ernsten Themas und Tons — ein Lächeln zur Groteske. Aus der Zuhörerschaft kamen zum Abschluss noch einige Fragen an die Autorin. Für ihren Roman habe sie viele Gespräch geführt: „Ich konnte vorher nicht sagen, was in dem Buch steht“, sagte sie, „ich musste schauen, was denn passiert.“

Warum sie ein harmonisches Ende verfasst habe? Jenny Erpenbeck: „Für mich ist das eher dissonant. Es ist schwierig, ein Ende zu schreiben, wenn es kein Ende gibt.“ Die Menschen befänden sich in einer Notlösung, es sei eine Verlängerung des Zwischenzustandes.

Seit Beginn ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema ist viel Zeit vergangen. „Gehen, ging, gegangen“ erschien im vergangenen Jahr, Recherche und ein Jahr des Schreibens lagen in den Monaten davor. „Wenn das Buch erst jetzt herausgekommen wäre“, sagt sie, „wäre es zu spät.“ „Das Buch hat es erreicht, dass Einzelschicksale zur Kenntnis genommen werden“, sagt Pelster abschließend.