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Ballett "Carmen": Was von der Liebe übrig bleibt

Ballett "Carmen": Was von der Liebe übrig bleibt

Großer Jubel für einen dramatischen Abend: Robert North zeigt „Carmen“ als Geschichte einer verhängnisvollen Beziehung.

Krefeld. Ein paar rote Blütenblätter sind alles, was von einer großen Liebe bleibt. Ihr Herabgleiten aus der Hand des sterbenden Don José setzt den stillen Schlusspunkt unter einen dramatischen Abend.

Großen Jubel löste am Samstag die Premiere von Robert Norths „Carmen“ im Krefelder Theater aus. Der Ballettchef hat mit seiner 1997 in Ungarn uraufgeführten Choreografie einmal mehr bewiesen, dass er mit klaren, zutiefst eindrucksvollen Bildern wunderbare Geschichten erzählen kann. Für seine Interpretation des populären Stoffes hat er sich bewusst von der Bizet-Oper abgegrenzt und sich dafür enger an der literarischen Vorlage von Prosper Mérimée orientiert.

So wird die Handlung aus der Sicht Don Josés in einer Rückblende erzählt. Mit Garcia (Emmerich Schmollgruber), dem Ehemann Carmens, gibt es eine nicht unwichtige Nebenfigur.

Noch wichtiger ist die eigens für das Stück komponierte Musik von Christopher Benstead. Die Mischung aus melancholischen Gitarrenklängen und Flamencorhythmen, in die andalusische Gesänge eingewoben sind, sorgt für authentisches Flair. Das glänzende Ensemble bringt mit temperamentvollen Tanzszenen als Einwohner von Sevilla oder als Schmugglerbande viel südliche Lebensfreude zum Ausdruck und setzt damit immer wieder Kontrapunkte zu den dramatischen Stationen der Liebesgeschichte.

Von Beginn an, als er auf dem Weg zu seiner Hinrichtung ist, wird Don José (Alessandro Borghesani) als Opfer gezeigt, der an der Leidenschaft für Carmen (Elisa Rossignoli) unaufhaltsam zugrunde geht. North findet dafür starke Bilder. Bei der ersten Begegnung, bei der sie ihm die rote Blume zuwirft, sind die beiden in einen Lichtkegel getaucht und erstarren für Sekunden. Dass diese Liebe mehr Verhängnis als Glück bedeutet, wird bereits spürbar.

In einem hinreißenden Solo mit expressiven Gesten gestaltet Borghesani eindrucksvoll den Charakter eines Mannes, der zunächst zwischen seinem Pflichtbewusstsein und seiner Leidenschaft hin- und hergerissen ist.

Mehr launische Kindfrau als Femme Fatale ist Elisa Rossignoli in der Titelrolle. Mit ihrem Temperament und ihrer tänzerischen Leistung ist sie die ideale Partnerin für Borghesani. Nachdem sie in der Taverne verführerisch auf dem Tisch getanzt hat, kommt es zur ersten Liebesnacht mit José. Dessen weiteres Tun ist von maßloser Eifersucht gekennzeichnet. Er wird zum Mörder und Dieb.

Als willenlose Puppe, die in einem Tuch durch die Luft geworfen wird, zeigt North ihn zu Beginn des zweiten Akts und zitiert damit ein Gemälde von Goya. Der spanische Maler steht auch für die wunderschönen Kostüme von Luisa Spinatelli Pate. In starkem Kontrast besteht Norths Bühnenbild aus sechs Holztischen, die sich durch die Hand der Tänzer in eine Brücke, Stierkampfarena oder Hinrichtungsstätte formieren lassen.