Bahnhofsmission hat Notizbücher voll mit Alltagserlebnissen aus den Jahren 1926 und 1932 überreicht.

Geschichte : Zwei neue Kladden fürs Stadtarchiv

Die Krefelder Bahnhofsmission hat Notizbücher randvoll mit Alltagserlebnissen aus den Jahren 1926 und 1932 überreicht.

Das Gedächtnis der Stadt ist zwei Kladden reicher, denn die Krefelder Bahnhofsmission übergab zwei Protokollbücher für die Zeit von 1926 bis 1932 an das Stadtarchiv. Die noch gut erhaltenen und in Sütterlin (Anmerkung der Redaktion: Schrift, die 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums von Ludwig Sütterlin entwickelt wurde) verfassten Bücher sind vor einiger Zeit bei Aufräumarbeiten entdeckt worden. Sie bieten, wie Archivleiter Olaf Richter betont, einen wertvollen Einblick in die Arbeit der Hilfsorganisation: „Die beiden Bände mit zusammen 200 Seiten haben einen hohen Quellenwert. Sie dokumentieren durch die mehreren tausend Eintragungen die sozialen Zustände der Zeit um die Wirtschaftskrise.“

Eine Fundgrube über die Alltagsprobleme der 30er Jahre

Zumeist waren es Frauen der gehobenen Bildungsschicht, Arztgattinnen und Pastorenfrauen, die mit Hingabe die Mission ausübten. In den beiden großen Kladden lesen sich die Kurznotizen so: „25. Juli 1929. Junges Mädchen, welches stündlich ihre Niederkunft erwartet, nach dem Säuglingsheim in der Petersstraße geschickt. Habe ihr beim Bäcker etwas zu essen gekauft. Sie kam von Kempen. Katholisch.“

Am 28. Dezember 1930 schrieb die Chronistin: „Josef F. und Braut M. Fahrkarte nach Mönchengladbach gegeben. Sie wollen nach Alsdorf, wo er Arbeit bekommt und sie heiraten wollen. Die Papiere gesehen, waren in Ordnung. Ich ließ ihnen Kaffee und Brot geben.“ Am Tag drauf, am 29. Dezember 1930, lautet der Eintrag: „Junger Mann aus Stolberg (Beruf Bäcker), katholisch, wollte Unterstützung haben, um sein Gepäck einzulösen und nach Düsseldorf weiterfahren zu können. Habe ihn zur Caritas-Männerfürsorge, Westwall, zur weiteren Veranlassung geschickt.“

Die Religion wurde stets erfasst, aber nur um die Notleidenden an die richtige Adresse weiterleiten zu können. Im Jahre 1927 waren beispielsweise 24 evangelische, 24 katholische und vier israelitische Frauen ehrenamtlich tätig. Finanziert wurde der Einsatz stets durch Beiträge der Ehrenamtlichen und die Einnahmen aus der Straßensammlung.

Anfang vergangenen Jahres hatte sich die „Zeitungsrunde“ im Wohnbereich II der Kursansa-Residenz mit den Kladden beschäftigt. Die Bewohner hatten in wochenlanger Arbeit die Sütterlinschrift entziffert. Zwölf ältere Damen waren mit Begeisterung dabei und eine Praktikantin übertrug die Texte auf dem Computer in lateinische Schrift.