Musik: Autogrammjäger für Stern

Musik : Autogrammjäger für Stern

Zum Jazzklub-Festival „Jazz an einem Sommerabend“ kamen gut 800 Besucher.

Krefeld. Alles wie immer? Nicht ganz. Das Zelt fehlte, zum Glück aber nicht als Regenschutz. Denn geregnet hat es dann nicht in Linn, wo der Jazzklub Krefeld sein 33. Festival „Jazz an einem Sommerabend“ auf der Burg organisierte. Das in den vergangenen Jahren aufgebaute Zelt gab es nicht, und eine Ausweichspielstätte auch nicht. Gut 800 Zuschauer bescherten dem Festival angesichts dieser Umstände einen sehr guten Besuch, nicht wenige werden vor allem wegen der Band der US-Stars Mike Stern und Randy Brecker gekommen sein.

Mike Stern, inzwischen 64 Jahre alt, gehört zu den Gitarrenhelden der Fusion-Musik. Als Mitmusiker taucht er auf sehr vielen Platten auf, in seinen eigenen Bands aber ließ er es oft an Originalität jenseits seines Virtuosentums vermissen.

Harmonisch und strukturell überschaubare Formen lieferte die Band von Stern und Brecker auch auf der Burg ab. Das Vorführen von Virtuosität stand im Zentrum, wofür die teils sehr langen Improvisationen genutzt wurden, und ja, Stern hat es noch drauf. Rockig lässt er die Gitarre aufheulen, seine Läufe sind irrwitzig schnell. Bebop trifft auf Hendrix, so wurde sein Stil einmal beschrieben, und ein bisschen Pat Metheny steckt auch drin.

Brecker hat in der Band weniger Raum, füllt ihn aber nicht weniger virtuos. Der Trompeter (72) phrasiert immer noch messerscharf und auch in höheren Lagen sicher. Leider lässt er sich, wie Stern, von seinen Fähigkeiten verleiten, stets mit Volldampf in Improvisationen einzusteigen. Die Dynamikbandbreite der ganzen Band ist eng.

Kultschlagzeuger Lenny White und der noch relativ unbekannte, aber ziemlich virtuose Teymur Phell am E-Bass komplettieren die Besetzung. Sterns und Breckers Band erntete den meisten Applaus. Am Ende drängelten sich die Fans vor der Bühne, um Autogramme zu ergattern. So was hat man auf der Burg selten erlebt.

Ein Orgeltrio bestritt den Mittelteil des Konzerts. Normalerweise besteht diese Besetzung aus einem Hammondorgel-Spieler, einem Gitarristen und einem Schlagzeuger. Bei Nostalgia aber ist der deutsche Posaunist Nils Wogram der Initiator, an der Hammond sitzt Arno Krijger und am Schlagzeug Dejan Terzic.

Die Posaune ist ein sprödes Instrument, jahrzehntelang galt Albert Mangelsdorff als bester Jazz-Posaunist weltweit. Wogram gilt als einer, der die Fußstapfen ausfüllen kann, vor allem, weil er wie Mangelsdorff dem Instrument durch gleichzeitiges Blasen und Hineinsingen Mehrstimmigkeit entlockt. Es ist bezeichnend für die Musik von Nostalgia, dass sie Wogram nur wenig Raum für diese Besonderheit lässt. Der Posaunist, der sich ansonsten auch freieren Formen widmet, tummelt sich mit Nostalgia im Mainstream-Modern-Jazz, das aber gekonnt und eloquent. Krijger, der die Klang-Vielfarbigkeit seiner Hammond sehr gut zur Geltung bringt, und Terzic, der sehr gut swingen kann, sind für Wogram ebenbürtige Partner.

Den Auftakt des Festivals gestalteten Gitarrist Axel Fischbacher und Bassist Stefan Rademacher. Da ihre Jazzkeller-Sessionreihe Jazzattack dieses Jahr 20-Jähriges feiert, hatte ihnen der Jazzklub den Gig auf der Festivalbühne beschert. Zusammen mit der Hamburger Gitarristin Sandra Hempel und Schlagzeuger Ralf Gessler überzeugte die Festivalausgabe der Jazzattack gerade dadurch, dass sie auch offenere Fusion-Formen bediente. Auf fetzige Knalleffekte wurde weitgehend verzichtet, die lieferten ja später im Übermaß Stern und Brecker.

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