Kunstverein: Ausstellung „Florale Transformation“: Wenn sich die Natur über die Technik erhebt

Kunstverein : Ausstellung „Florale Transformation“: Wenn sich die Natur über die Technik erhebt

Im Krefelder Kunstverein ist ab Freitagabend die spannende Ausstellung „Florale Transformation“ zu sehen.

Krefeld. Sieben Künstler und drei Orte umfasst das spannende Ausstellungsprojekt „Florale Transformation“, an dem auch der Krefelder Kunstverein beteiligt ist. Freitagabend um 19 Uhr startet die Ausstellung im Buschhüterhaus am Westwall 124, am Samstag um 19.30 Uhr gibt es eine Eröffnung im Kunstverein Mönchengladbach. Der dritte Ort ist Düsseldorf, wo im „Antichambre hotel friends“ die Schau bereits am Donnerstag eröffnet wurde. Das Konzept dieser Kooperation hat der junge Düsseldorfer Kurator Wilko Austermann erstellt. „Alle drei Orte sind sehr unterschiedlich und jede Ausstellung hat einen anderen Schwerpunkt“ erklärt er.

Während die Räumlichkeiten des Mönchengladbacher Kunstvereins einen industriellen Charakter haben und es sich in Düsseldorf um einen ehemaligen Lagerkeller handelt, ist in Krefeld die Situation eher klassisch museal. Entsprechend einfacher sei hier die Zusammenstellung gewesen, so Austermann. Doch sieben unterschiedliche Positionen in einen ansprechenden Zusammenhang zu bringen, ist auch hier eine Herausforderung. Das Ergebnis ist sehr überzeugend, denn jedem Kunstwerk wird genug Raum gelassen, für sich zu stehen, aber auch in einen Dialog zu treten.

Den Auftakt bilden drei Arbeiten im Erdgeschoss. In der Mitte, von der Decke des Raumes hängen kopfüber drei verzweigte Äste herab. Sie scheinen aus der Decke heraus nach unten zu wachsen. „A possible forest“ hat David Hahlbrock seine Arbeit genannt, die sich aus Fragmenten realer Äste zusammensetzt. Der Künstler sammelt diese verzweigten Äste und baut daraus neue „Bäume“. Es ist ein technischer Vorgang und doch schwingt in diesem Bild der herabhängenden Äste viel von der Poesie des Waldes mit. Inspiriert von realen Bäumen ist auch die Skulptur „verkrustet“ von Martin Schwenk.

Der Uecker-Schüler, der 2012 in den Häusern Lange/Esters ausgestellt hat, ist der älteste und auch bekannteste Künstler unter den sieben. Er bezeichnet seine Arbeiten auch passend als „Naturprothesen“. Während die Form an einen aus der Wand wachsenden Ast erinnert, sind die Materialien Acrylglas und Stahl auf den ersten Blick als naturfern zu identifizieren. Eine zweite Skulptur von ihm im Obergeschoss zeigt ebenfalls aus Acrylglas verformte und geschwärzte Strukturen, die an Blätter erinnern. Filigrane Blüten und Blätter, sowie winzige Samenkörner hat die Künstlerin Ke Li zu äußerst feingliedrigen Gebilden zusammengefügt. Eingegossen in Polyesterharz, schweben diese manchmal an zarte Quallen erinnernden Fantasiegebilde wie exotische Kostbarkeiten in einem transparenten Gefäß. Auch von ihr gibt es eine zweite Arbeit im Obergeschoss, wo sie die Verbrennung kleiner sternförmiger Blüten filmisch festgehalten hat.

Zerstörung, Veränderung und Entstehung einer neuen Form werden dort sehr eindrücklich und ästhetisch reizvoll thematisiert. Auf dem Treppenaufgang schafft David Semper mit der vordergründig wohl unspektakulärsten Arbeit eine kluge Verbindung zwischen den Ausstellungsebenen. Seine durch Pflanzenabrieb direkt auf die Wand aufgebrachten horizontalen grünen Linien werden durch eine exakt gesetzte Reißnadellinie noch einmal unterteilt.

Der Abrieb ist an verschiedenen Tagen entstanden, so dass sich die Veränderung der pflanzlichen Spuren durch Lichteinfluss optisch unterschiedlich darstellt. Die Grüntöne werden zunehmend braun. Allmählich wachsende Veränderung zeigt sich auch in der zentralen Installation von Thimo Franke. In einer mit Lichtquelle und Bewässerungssystem versehenen Vitrine hat er fünfzehn Smartphons aufgereiht und sie zum Nährboden für kleine Orchideenpflanzen gemacht.

Die technische Massenware wird zur Basis einer überaus zähen Natur, die über die Technik triumphiert. Während die Geräte durch die Feuchtigkeit zu rosten beginnen, entwickeln sich umso intensiver Wurzeln und Blätter. Eher unscheinbar und nicht mehr sehr lebendig wirkt die Wurzel aus Kolumbien, die Marthin Rozo wie eine Kostbarkeit unter einem Glassturz präsentiert. Eine besondere Aura umgeben auch Andreas Greiners Spezialfotografien von Algen, die in der Vergrößerung feinste Strukturen mit großer Präzision sichtbar werden lassen. Der faszinierende Reichtum der Naturformen bekommt futuristische Züge, die Grenzen zwischen Natur und Technik werden fließend.

Die Ausstellung ist eine gut durchdachte und anregende Auseinandersetzung und macht neugierig auf die anderen beiden Stationen.

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