Auch Plastiklöffel können Kunst sein

Auch Plastiklöffel können Kunst sein

Am Sonntag wird die neue Ausstellung „Reflexionen — Kunsthandwerk trifft Textilmuseum“ in Linn eröffnet. Die Teilnehmer mussten sich an den dort ausgestellten Sammlungen orientieren — und einen Dreh in die Moderne schaffen.

Da schwebt und schwingt, wie von einem Windstoß in Form gebracht, eine Ziegelsteinmauer in ihrem Metallgestell. Für die Assoziationen an einen locker wehenden Seidenschal muss sich der Betrachter gar nicht lange bemühen. Für seine Arbeit „Shawl — hängende Mauer“ hat Gilbert Scheuss einigen Backsteinen noch eine zarte Farbglasur in aktuellen Pastelltönen gegeben.

Mit der Anordnung und Verbindung der Backsteine wird nicht minder deutlich, dass hierbei die Struktur eines Gewebes aus Kett- und Schussfäden neu interpretiert wird.

Historische Textilien aus dem Bestand des Textilmuseums sind der Ausgangspunkt der neuen Ausstellung „Reflexionen — Kunsthandwerk trifft Textilmuseum“, die am kommenden Sonntag eröffnet wird. Am Anfang stand vor rund eineinhalb Jahren ein großes Schubladenöffnen im Deutschen Textilmuseum. „Es war spannend für mich zu sehen, wie die Künstler direkt auf die Sammlung reagieren,“ erinnert sich Annette Schieck, Kuratorin der Ausstellung und Leiterin des Textilmuseums. „Jeder ist auf etwas anderes angesprungen, aber vor allem auf historische Objekte mit vielen Spuren von Nutzungen, die nicht mehr intakt sind.“

Die 22 an dieser Ausstellung beteiligten Künstler und Kunsthandwerker gehören zur Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks am Niederrhein. Nilufar Badiian und Angelika Jansen haben die Ausstellung initiiert und koordiniert. „Es war eine aufregende Themenfindung für uns,“ sagt Jansen. „Denn wir haben die Vorgabe gegeben: Jeder muss in seinem eigenen Stil arbeiten.“ Für Badiian war es ein besonderes Erlebnis, die historischen Textilien einmal im Original ohne die Glaswand einer Vitrine zu sehen. Sehr unterschiedlich fällt bei den 88 modernen Arbeiten der Dialog zwischen historischen und modernen Objekten aus.

Die zeitgenössischen Werke wurden, wie der schwebende Ziegel-Schal, auch aus anderen als textilen Materialien gefertigt. Recht nah am Original bleiben die drei Damenwesten von Heike Reul, zu denen sie sich von einer serbischen oder bosnischen Samtweste aus dem frühen 20. Jahrhundert inspirieren ließ. Ihre drei Variationen in Seide, Samt und Filz sind unverkennbar modern, aber auch zweifellos schon auf den ersten Blick erkennbare Nachfolgerinnen des Originals, das ebenfalls in der Vitrine ausgestellt wird.

Witzig und kreativ sind die Neuinterpretationen eines alt-ägyptischen Nofretete-Kragens mit Kugelschreibern einer bestimmten Marke oder Plastikeislöffelchen. Textilien aus ägyptischen Gräbern oder Abfallhaufen regten Heike Reul an, Gewebe herzustellen, an denen scheinbar auch schon der Zahn der Zeit gründlich genagt hat. Ausgefranste ramponierte Textilfragmente hat sie geschaffen, bei denen das Färben mit Kaffee die nötige bräunliche Patina liefert.

Den Wechsel in andere Materialien hat Irene Leister als ihre gestalterische Vorgabe gewählt. Zu einem japanischen Kimono hat sie drei Gemälde mit Temperafarben auf Leinwand geschaffen, die in ihren Formen und der Hängung an der Wand offensichtlich machen, dass hier die Schnittteile des Kimonos Pate standen.

Den Transfer textiler Dekoration in die Keramik hat sie am Beispiel einiger Raku-Schalen vollzogen. Die Vorlagen für die Chrysanthemen ihrer Schalen kann man auf dem schwarzen chinesischen Gewand aus dem 19. Jahrhundert wiederfinden, das ebenso ausgestellt wird.