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Antigones Schwester: Ein packender Monolog

THEATER Krefeld : Eine nur scheinbar unscheinbare Frau

Schauspielerin Esther Keil gibt Antigones Schwester Ismene eine hörenswerte Stimme.

Ihre Familie hat den Stoff für Weltliteratur geliefert, doch sie selbst ist fast vergessen worden. Ismene, Tochter des Ödipus und Schwester der Antigone, ist die einzige Überlebende einer beispielslosen Familientragödie. Doch schlimmer als der Tod ist ein Leben in Vergessenheit.

Die niederländische Autorin Lot Vekemans hat in ihrem 2005 geschriebenen Stück „Schwester von“ Ismene für einen Theaterabend aus ihrem Schattendasein befreit. 2500 Jahre nach Sophokles, der sein Drama „Antigone“ nannte, bekommt ihre Schwester die Gelegenheit, die dramatischen Ereignisse aus ihrer Sicht zu schildern. „Schwester von“ war jetzt als kurzer und packender Theaterabend in der Fabrik Heeder zu erleben.

Ismene lebte
jahrelang in Einsamkeit

Ismene (Esther Keil) lebt in einem zeltartigen Gebilde an einem nicht näher definierten Ort. Heulende Hunde und lästig surrende Fliegen, von denen immer wieder die Rede ist und die man auch hört, charakterisieren diesen Ort als unangenehm und auch etwas bedrohlich. Als Bedrohung empfindet Ismene zunächst auch das Publikum, mit dem sie sich nach jahrelanger Einsamkeit plötzlich konfrontiert sieht. Sie weiß nicht, was man von ihr erwartet. Doch ihre Unsicherheit verwandelt sich allmählich in den Wunsch, sich zu öffnen und mit dem Publikum zu kommunizieren.

Sie ergreift die Gelegenheit, aus ihrer Sicht über ihre Familie zu sprechen. „Nein, eine harmonische Familie waren wir nicht“, sagt sie trocken. fast ebenso nüchtern schildert sie die schrecklichen Todesfälle ihrer Eltern, Brüder und zuletzt ihrer Schwester. Antigone lehnte sich gegen das Gesetz ihres Onkels Kreon auf und erwies widerrechtlich ihrem Bruder, der als Verräter galt, die Totenehre. „Antigone liebte den toten Bruder mehr als ihre lebende Schwester“, bemerkt Ismene bitter. Ismene liebte ihren Bruder ebenfalls, trotzdem hielt sie sich an das Verbot. „Man soll akzeptieren, wenn man kein Recht bekommt, auch wenn man Recht hat“, ist einer der zentralen Sätze.

Ismene ist nicht zur Heldin geboren, sie ist eine Frau, die sich immer nach einem ganz normalen Leben gesehnt hat. Das macht sie menschlich und ihr Verhalten wird so nachvollziehbar. Größe beweist sie auch darin, dass sie bis zuletzt bei ihrem Onkel geblieben ist und ihm sogar verziehen hat. Es sind viele Facetten einer nur scheinbar unscheinbaren Persönlichkeit, die Lot Vekemans in diesem Monolog zum Vorschein bringt.

Esther Keil lotet diese verschiedenen Seelenzustände sehr feinsinnig aus. Die Einsamkeit und Ängste dieser Frau, ihre Sehnsüchte und nicht zuletzt ihre Energie, die sie am Leben erhalten hat – all das wird hautnah spürbar. Regisseur Sascha Mey und Ausstatter Udo Hesse haben für dieses dichte Kammerspiel eine Atmosphäre geschaffen, in der sich Esther Keils Spiel wunderbar entfalten kann. Dafür bekommen alle begeisterten Applaus.