Krefeld: Kroaten hoffen auf Ausnahmezustand

Krefeld: Kroaten hoffen auf Ausnahmezustand

Auch in Krefeld fiebern Kroaten und Franzosen dem WM-Finale entgegen. Der Sieger wird am Sonntag ordentlich die Korken knallen lassen.

Egal, wer das Finale der Fußball-WM am Sonntag gewinnt, für die Kroaten in Krefeld steht der Sieger längst fest. „Wir sind schon Weltmeister. Egal, wie das Spiel ausgeht“, sagt Tomislav Tomic. Er und seine Landsleute, ganz gleich, ob in Deutschland oder Kroatien geboren, reiten seit vier Wochen auf einer Euphoriewelle. Und mit einem weiteren Sieg könnte sich auch Krefeld am späten Sonntagabend in ein rot-weiß-kariertes Fahnenmeer verwandeln. „Dann ist Eskalation, Ausnahmezustand. Dann wird hier irgendwas Großes passieren“, kündigt Mario Coric an.

Foto: Andreas Bischof

Denn obwohl die deutsche Nationalmannschaft nach nur anderthalb Wochen ihr persönliches Debakel erlebt hatte, lebt die WM-Euphorie auch in Krefeld weiter. Für die nun neutralen Fußballfans, aber vor allem für die große kroatische Gemeinde hier. Denn das kleine 4,2-Millionen-Einwohner-Land an der Adria steht am Sonntag (17 Uhr/ZDF und Sky) erstmals im WM-Finale. „Ich kann es noch gar nicht realisieren. Ich bin mehr als aufgeregt“, sagt Coric. Der 43-Jährige ist sich noch nicht sicher, ob er — wie die meisten Kroaten — im Phil’s an der Alten Kirche schaut oder zu Hause. Das macht er von seinen Eltern abhängig. „Selbst ich weiß ja nicht, ob ich das noch einmal erleben werde. Da möchte ich meine Familie und enge Freunde dabei haben“, sagt er.

Für Tomic ist klar: Er geht ins Phil’s. „Am Anfang der WM haben wir dort zu fünft geschaut, beim Halbfinale waren wir 150 bis 200 Leute. Es ist öffentlich, aber wenn wir da sind, wird der Grill angeworfen, es gibt Cevapcici und kroatische Musik. Herrlich.“

Ähnlich sieht es auch beim Finalgegner aus, wenngleich es bei den Franzosen keine Fleischspezialitäten vom Balkan gibt. „Wir sind bei Freunden eingeladen. Aber natürlich stehe ich am Grill“, sagt Yves Chopelin, Senior-Chef des gleichmaligen Restaurants in Uerdingen. Am Samstag feiert er in seinem Lokal noch den französischen Nationalfeiertag, am Sonntag und Montag ist dann geschlossen. „Das passt gut. Denn wenn wir gewinnen, werden wir sicherlich ein paar Flaschen öffnen.“

Da Chopelin vor allem die deutsche Bundesliga verfolgt, kannte er vor WM-Beginn viele der jungen französischen Spieler gar nicht. „Erstaunlich, wie die sich entwickelt haben“, sagt er — und ist dennoch nicht vollends optimistisch: „Ich habe große Bedenken. Die Kroaten sind stark, ein Sieg von denen würde ich nicht überraschen. Mein Tipp? Sehr ausgeglichen, 50:50.“

Auch die beiden Kroaten sind sich nicht sicher, wie es ausgehen wird. „Der Bessere soll gewinnen, das meine ich ernst. Aber in den K.o.-Spielen lagen wir dreimal zurück, haben aber immer in der Verlängerung oder im Elfmeterschießen gewonnen. Gute Nerven haben wir also“, sagt Coric. Er erinnert sich auch noch gut an das Halbfinale 1998, als die Kroaten gegen die heimischen Franzosen trotz 1:0-Führung verloren. „Das habe ich noch ganz nah vor Augen“, sagt er. Tomic war damals sogar vor Ort in Paris. Ob er nun Angst hat? „Nein, wir Kroaten kennen keine Angst.“ Vielmehr freut er sich: „Das könnte das perfekte Fußballjahr werden. Erst steigt der KFC auf, nun steht Kroatien im WM-Finale.“