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Krefelds Gastronomen warten auf konkrete Konzepte für Wiedereröffnung

Krefelder Wirtschaft : Gastronomen in Not: „Private Reserven sind aufgebraucht“

Finanzielle Hilfen fließen zwar inzwischen, aber zu langsam. Die Situation der Gastronomen und der Händler ist düster.

In die Auszahlungen der November- und Dezemberhilfe an die Unternehmen, die die über den Steuerberater beantragt haben, ist im Laufe des Februars Schwung gekommen. Von den allein im Regierungsbezirk Düsseldorf beantragten Hilfen für November sind inzwischen 206 Millionen (67 Prozent) und für Dezember 134 Millionen Euro (54 Prozent) ausgezahlt worden. „Zu spät“, sagt Sebastian Greif von der IHK Mittlerer Niederrhein. Bei den Direktanträgen (von größtenteils  kleineren Betrieben) soll es in diesen Tagen zu Verbesserungen der Auszahlungsgeschwindigkeit kommen. „Dennoch ist es gerade für diese kleinen Betriebe problematisch, dass die Auszahlung der Gelder so lange dauert“, sagt der Leiter der Corona-Hotline und zuständig für Gründung, Recht und Steuern. Antonios Arabatzis, Pächter des Gleumes, und Flavia Latina, Betreiberin der italienischen Bistro-Bar An-Go-Lo, haben ihre privaten Reserven aufgebraucht. Und selbst ihre künftige Altersvorsorge ist in Gefahr.

Geld für Altersvorsorge und den Lebensunterhalt fehlt

„Ich lebe seit einem Jahr nicht mehr aus meinen Betrieb“, sagt Arabatzis, der gleichzeitig auch Krefelds Dehoga-Sprecher ist. Er wie viele seiner Kollegen hätten die Einzahlungen, ob Rürup-Rente oder private Altersvorsorge, gestoppt, um die persönlichen Kosten so niedrig wie möglich zu halten. Erst mit der Überbrückungshilfe III, die seit dem 10. Februar beantragt werden kann, können 90 Prozent der „ungedeckten Fixkosten“ (wozu auch private Miete und Versicherungen zählen) geltend gemacht werden.

Das Problem sei nur, dass bei den fortlaufenden Kosten die fehlenden zehn Prozent irgendwie aufgebracht werden müssen. „Das kann nach diesen Monaten schon zum Problem werden“, sagt Arabatzis. Er hat eine solche Erfahrung am eigenen Leib vor einigen Wochen erlebt, als er die Gebäudeversicherung nicht mehr bezahlen konnte. Seine Versicherung hatte ihm zuvor im ersten Lockdown die Beiträge noch gestundet, doch dann im Herbst die ganze ausstehende Summe auf einmal eingefordert. Seiner Bitte nach einer Ratenzahlung wollte der Versicherer zwar nachkommen, aber mit dem Hinweis unter dem Ratenplan, dass „solange der nicht vollständig getilgt ist, kein Versicherungsschutz besteht“. Und das, so Arabatzis, bei der wichtigsten Versicherung überhaupt. Also hat er gezahlt.

Auch Flavia Latina ist froh, dass sie noch ihre Versicherung bezahlen kann. In den vergangenen Tagen ist im An-Go-Lo eingebrochen worden und die große italienische Kaffeemaschine ebenso gestohlen worden wie alle Spirituosen. „Und dabei lasse ich schon so lange wie möglich jeden Tag das Licht an“, sagt die Gastronomin. Doch die Stadt sei leer, Einbrecher fühlten sich unbeobachtet.

Während sie im ersten Lockdown ihre beiden Vollzeitkräfte noch in Kurzarbeit geschickt hatte, musste sie im Sommer wegen der vorgeschriebenen geringeren Gästezahl die Küche reduzieren und fortan nur noch mit Aushilfen arbeiten. „Die sind jetzt auch in Not und rufen mich jeden Tag an, um zu fragen, ob sie arbeiten können“, erzählt Flavia Latina betrübt.

Die November- und Dezemberhilfe hat sie inzwischen bekommen, zunächst nur Abschläge und in der vergangenen Woche dann die restliche Summe auf einen Schlag. „Ich habe das Glück, einen ganz tollen Vermieter zu haben, er kommt mir bei der Miete entgegen“, sagt sie dankbar. Auch von Januar bis sogar schon Juni sei ihr Antrag auf Hilfen bewilligt worden, die festen Kosten damit gedeckt. „Aber noch nicht meine private Miete und der Lebensunterhalt für mich und meine Tochter“, sagt Flavia Latina – und das sei ein Problem. Mit der Krefelder Designerin und Sängerin Pe Krieger denkt sie gerade über eine kostenlose digitale Veranstaltung nach, „vielleicht mit Tango“, bei der auch für das An-Go-Lo gespendet werden könne. Auch in der Krise bleibt sie zuversichtlich und kreativ.

Für die Zeit nach dem Lockdown wünscht sie sich ebenso wie Arabatzis eine Öffnungsperspektive und konkrete Konzepte. Beide sind auch weiterhin für die Nachverfolgung der Kontakte. Doch statt auf endlosem Papier wäre es viel präziser mit Hilfe einer neuen App wie „Luca“, angestoßen von Smudo von der Gruppe „Die Fantastischen Vier“, die demnächst unter anderem auf der Insel Sylt ausprobiert wird.

„Hoffentlich setzen die nicht auf die Regel, nur wer geimpft wird, erhält Einlass“, sagt der Krefelder Dehoga-Chef. Das verärgere nur die Gäste. Dann lieber den Soforttest vor dem Eintritt. Auch die „Fünf-Personen-aus-zwei-Haushalten-Regelung“ pro Tisch sollte aufgehoben werden. „Ansonsten brauche ich gar nicht wieder aufzumachen“, so Arabatzis. So wie er fürchten auch andere Gastronomen, dass sie wegen der Umsatzeinbußen die nächsten zwei bis drei Jahre nichts in die Rentenkasse einzahlen können. Und das wird dann im Alter zum nächsten großen Problem.