Krefelder wird Zweiter: Jahresfinale der Poetry-Slamer

Jahresfinale: Krefelder wird Zweiter : „Papp a la Papp“: Jeden Monat Poetry-Slam

Zwischen Comedy, Rap und Appellen an die Menschlichkeit – sieben junge Künstler kämpften um das Jahresfinale. Krefelder Björn Gögge wird Zweiter.

Sechs Minuten. Klingt wenig, kann jedoch ganz schön lang werden, wenn man sie füllen muss. Andererseits können in einer solch kurzen Zeitspanne ganze Lebensgeschichten erzählt werden. Für sieben junge Menschen wurden sechs Minuten jetzt zum Beweisstück. Beim monatlichen „Papp a la Papp“-Poetry-Slam wurde das geschriebene Wort frisch und lebendig.

Neben dem Teilnehmer aus Krefeld, Björn Gögge, kamen die Bühnenaktivisten auch aus den Städten Bonn (Nils Frenzel), Bochum (Svenja Przigoda), Köln (Liam), Düsseldorf (Alina Schmolke) oder Aachen (Lukas Knoben). Unter dem Künstlernamen „Textstreet Boys“ hatten auch Stef und Malte den Weg auf die Bühne der Kulturfabrik geschafft. Und dann ging das Slamen los, denn laut Moderator Johannes Floehr – selbst auch Slam-Poet und Autor – „ist im Jahr 2019 alles im Leben ein Wettbewerb“.

Die deutschsprachige Slam-Szene ist die Zweitgrößte weltweit

Schon seit 2008 gibt es den Slam-Wettkampf „Papp a la Papp“ in Krefeld. Und die Regeln sind immer die gleichen: Die vorgetragenen Texte müssen selbst verfasst sein, sechs Minuten lang und völlig ohne Hilfsmittel vorgetragen werden. Und als Gewinn winkt eine Flasche Gin. Am Ende des Poetry-Jahres wird aus allen Monatssiegern noch einmal ein Gewinner gekührt. Erst im Juli berichtete die WZ über den Wettstreit. Khaaro hieß die Gewinnerin. Sie ist nun für Krefeld in Berlin und bei den diesjährigen deutschsprachigen Slam-Meisterschaften  vertreten.

Seit September laufen die Wettbewerbe in der Kulturfabrik

Charmanter und doch frecher Witz: Durch Wortspiele und Klischees verschafft sich Floehr in der kleinen Halle der Kulturfabrik ziemlich schnell einige Lacher. Währenddessen verwandeln bunte Lichter den Raum in eine tolle Kulisse für Mutige am Mikro.

Am schwersten hat es wohl Nils Frenzel – er musste als Erster vor das Publikum treten. Die Zuschauer sprühten allerdings vor guter Laune und sparten auch nicht beim Applaus. Das macht Hoffnung. Denn das Publikum sucht auch den Gewinner des Wettbewerbs aus. Mit dieser Form der Bewertung orientiert sich die Veranstaltung an dem Erfinder der Vortragsform, Marc Smith, und seinem Wahlspruch: „Slam ist das Paradebeispiel für die Demokratisierung der Kunst.“

Frenzel kann den Sieg zwar nicht erringen, doch er gibt sein Bestes. Nach einer kurzen Unterbrechung durch ein ungeplantes Handyklingeln aus den Zuschauerreihen, holt er sich die Sympathie dadurch, dass er seinen Vortrag nicht nur weiterführt, sondern beides miteinander verbindet – eine gelungene Leistung.

Anderes Thema, neues Gesicht. Vielen ist er nicht unbekannt: Der Behördenkram in Deutschland. Und wo ist er besonders anstrengend? Traut man Lukas Knobens Vortrag, dann sind es die Prüfungsämter der Universitäten, die einige Nerven fordern. Knoben begeistert mit einer bestechenden Ehrlichkeit, denn auch im wahren Leben ist er Student. Da werden auch mal die Geschehnisse vor dem Prüfungsamt zu wahren Abenteuern – nur blöd, wenn am Ende trotzdem nichts klappt.

Lukas Knoben aus Aachen
gewinnt am Ende

Während seiner sechs Minuten präsentiert Knoben einiges an Klischees. Doch von Langeweile keine Spur. Denn wer hört nicht gerne von mittellosen Stundenten, die eine Ladung Klopapier mitgehen lassen? Und mit einem leichten Schrecken lässt er die Zuschauer nach seinem rap-artigen Vortrag zurück, als er laut und scheinbar erbost den letzten Satz in die Menge wirft: „Es ist ein Kreislauf, ein verdammter Kreislauf!“

Tabuthemen? Nein Danke! Bei diesem Poetry-Slam schildert Svenja Przigoda mit starker Gestik ihrenWunsch nach einem eigenen Kind. Leider nicht möglich, wegen der Diagnose „Polyzystisches Ovar-Syndrom“, kurz PCOS, was zu Unfruchtbarkeit führen kann. Das ernüchternde Ende ihres Vortrages schließt mit einem „Irgendwann“. Und das Publikum entscheidet: dritter Platz. Reife Leistung.

Tabuthemen haben auch die Textstreet-Boys nicht. Auf eine aufgesetzt coole und dadurch sehr charmante Art und Weise singen sie ein Loblied auf ihren so tollen Freund. Teilweise sprechen sie sogar synchron. Vor allem den Satz „Ich hab’ da so ’nen Freund.“ Völlig schamlos plaudern sie drauflos, über ihren besten Kumpel. Mit zahlreichen Komplimenten treten dann jedoch zweierlei Sichtweisen zu Tage. Und auf einmal wird es zu einem „Ich hatte einen Freund.“ Denn wenn einmal etwas ausgesprochen wurde, gibt es oftmals kein Zurück mehr. Eine sehr einfache Darstellung unterschiedlicher Gefühlswelten und mit einem Schlussatz, der nachhallt: „Man kann sich alles versprechen – außer Gefühle.“

Mit den anderen Slam-Poeten werden auch Themen wie Feminismus und Gerechtigkeit angesprochen. Den zweiten Platz (zwischen Knoben und Przigoda) erlangt Gögge aus Krefeld. Er vollführt einen humoristischen Ausflug zu einem Speed-Dating mit Gregor Gysi. Gewagt und doch belohnt durch eine hohe Wertung. Nach seinem Erzählstück hat man jedenfalls das Gefühl, alle Menschen wären im Grunde etwas bekloppt – aber irgendwie auch liebenswert und im Herzen von guter Natur. Zumindest Gregor Gysi hat danach einen neuen Freund gefunden.

Die nächsten Termine stehen auch schon fest. Beginn ist jeweils um 20 Uhr und die Karten kosten im Vorverkauf 10 Euro. Mehr Informationen dazu gibt es im Ticketshop der Kulturfabrik.

www.kulturfabrik-krefeld.de

Mehr von Westdeutsche Zeitung