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Krefelder Wetterexperte zum Klimawandel

In 30 bis 40 Jahren sind die Temperaturen dieses Sommers Normalität : Kalte Sommer sind bald Geschichte

Im Interview spricht Meteorologe Mike Rosin über extremes Wetter und verrät, wie der Krefelder Sommer künftig aussieht.

Dürre, ein heißer Tag nach dem anderen, tote Fische oder auch Starkregen und Gewitter – sieht so künftig unser Sommer aus? Mike Rosin, Meteorologe der Energieberatungsfirma Energy Weathers in Krefeld, erklärt, wie es zu dem extremen Wetter kam und wagt den Blick in die Zukunft.

Heiße Sommer gab es immer mal wieder. Ist dieses Jahr ein Rekordjahr? Und wenn ja, warum?

Rosin: Rekorde sind zu erwarten, ja. Dabei geht es gar nicht um die große Hitze der letzten Wochen. 15 Tage über 30 Grad, das gab und gibt es immer wieder. Auch wenn 15 Tage ohne Unterbrechung in manchen Regionen durchaus einzigartig waren. Rekordverdächtig ist aber vielmehr, dass das Sommerwetter schon so früh kam – bereits im April. Wir Meteorologen zählen darunter Tage mit über 25 Grad. Davon hatten wir in 2018 jede Menge. Solche Phänomene tauchen in der Regel nur alle 100 bis 500 Jahre auf.

Wie kommt es zu so einem extremen Wetter mit so viel Dürre, so wenig Regen – und dann gleich Starkregen, Überschwemmungen?

Rosin: Das liegt daran, dass die Hochdruckgebiete lange an derselben Stelle über Deutschland bleiben. In früheren Jahren, noch in den 80er Jahren  beispielsweise, sind sie rasch Richtung Osten weitergezogen und ein Tiefdruckgebiet brachte Regen. In den letzten Jahren bleiben sowohl Hochdruck- als auch Tiefdruckgebiete lange über derselben Region stecken. Wenn dann nach einem Hoch ein Tief kommt, bringt dies viel aufgenommene Feuchtigkeit mit sich: Starkregen und Überschwemmungen können die Folge sein. Wo genau die jeweiligen Hoch- oder Tiefdruckgebiete hängen bleiben, ist dabei Zufall – dieses Jahr war es vor allem im Westen und Norden Deutschlands, also auch Krefeld.

Hat das was mit dem Klimawandel zu tun?

Rosin: Der Klimawandel spielt bei dem Phänomen eine Rolle. Wenn die Temperaturen steigen, nimmt die Luft mehr Wasser auf, das dann abgeregnet wird. Das begünstigt Starkregen. Auch Schmelzwasser trägt dazu bei: Es gleicht lange heiße und trockene Perioden aus, speist Flüsse wie den Rhein und hält den Pegel dadurch auf dem gewünschten Niveau. Gibt es weniger Schmelzwasser und nehmen die Gletscher weiterhin hab, dann verpufft dieser Effekt mehr und mehr – die Pegel sinken noch stärker.

Was heißt das für die künftigen Sommer? Weitere Hitze- und Regenrekorde?

Rosin: Ja, das zeichnet sich ab. In den letzten Jahren 10 bis
15 Jahren, seit dem Jahrtausendsommer 2003, wurden ständig Rekorde erreicht. Extremes Wetter, das früher alle 100 Jahre vorkam, werden wir in den nächsten Jahren regelmäßig erleben. Entweder wird es so wie dieses Jahr lange, warme Sommer mit viel Hitze und Trockenheit geben – oder das Gegenteil: nasse Perioden mit besonders viel Regen. Kalte Sommer wird es bald gar nicht mehr geben. Schon in etwa 30 bis 40 Jahren ist das, was derzeit noch als Jahrhundertsommer gilt, Normalität.

Was bedeutet das für die Natur?

Rosin: Der Sommer startet früher, der Biorhythmus ändert sich dadurch, die Pflanzen beginnen deutlich früher mit ihrer Blüte – wenn die Bienen teils noch schlafen. Hier muss sich ein neues Gleichgewicht finden. Bei heißen Sommern trocknen Flüsse und Bäche aus, auf dem Rhein gibt es öfter Niedrigwasser und zu hohe Temperaturen, ebenso in Seen und anderen Gewässern – mit entsprechenden Folgen für Pflanzen und Tiere. Umgekehrt nehmen auch Überschwemmungen zu. Die Natur wird sich darauf einstellen. Nicht für alle sind solche Extreme übrigens von Nachteil: Der Wein aus Gegenden mit guter Erde soll dieses Jahr sehr gut werden.

Wie kann sich der Mensch darauf einstellen?

Rosin: Viel trinken ist bei Hitze immer wichtig. Der Körper passt sich aber auch an, beispielsweise ändert sich bei Wärme die Durchblutung der Haut. Besonders in Großstädten wie hier staut sich im Sommer die Hitze, nachts ist dann in vielen Wohnungen mit bis zu 30 Grad zu rechnen. Das raubt vielen natürlich den Schlaf. Daher wird es immer mehr Klimaanlagen geben. Wie beispielsweise Bauern ihre Anbaustrategie ändern, dazu kann ich nichts sagen. Fest steht allerdings, dass sie sich dauerhaft auf neue Bedingungen einstellen müssen.