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Krefelder Marianum: Das Kinderheim ist kein Auslaufmodell

Marianum : „Das Kinderheim ist kein Auslaufmodell“

Der Heimleiter des Marianum, Heinz-Werner Knoop, geht nach 34 Jahren in den Ruhestand.

Dass Heimleiter Heinz-Werner Knoop, Leiter des Kinderheims Marianum, in den Ruhestand geht und in seinem 34-jährigen Wirken mehr als 9000 Mal Kindern und Jugendlichen helfen konnte, ist eine reine Zahl. Dahinter verbergen sich traurige Kinderschicksale mit Verwahrlosung, Hunger und Gewalt. Die Erinnerung an drei Geschwister wird er nie vergessen. „Es ist eine Begebenheit, die alles überschattet“, sagt er. „Wir nahmen in einem Notverfahren drei Brüder im Alter von fünf, sechs und acht Jahren auf. Sie waren verwahrlost, knapp vor dem Verhungern. Als sie zu uns in Obhut kamen, haben wir ihnen alles gezeigt, zuletzt die Küche.“ Der ältere Junge, der automatisch längst zum Pfleger der Kleinen geworden war, fragte, ob er einen Blick in den Kühlschrank werfen dürfe. Was ihm auch erlaubt wurde. Knoop: „Beim Blick in das gut gefüllte Gerät fragte er weiter: ,Ist das alles für uns?` Als wir bejahten, schob er die Kleinen vor und sagte: „Guckt mal. Das ist für uns`.“ 

Der Heimleiter und seine Mitarbeiter bekamen Gänsehaut, ihnen war weh ums Herz. „Das geschieht in Mitteleuropa. Wir legen Programme auf, machen Angebote und dann ist zu Hause der Kühlschrank leer“, zeigt sich der 65-Jährige heute noch fassungslos. „Danach standen drei Mahlzeiten am Tag für die Jungen auf dem Tisch. Alle kamen pünktlich ins Bett und der Älteste musste sich nicht mehr kümmern.“ Nach drei Wochen hatten wir andere Kinder vor uns. Sie waren nicht mehr gezeichnet durch graue Gesichter und gläserne Haut. Ihre seelischen Wunden sind dann nicht geheilt.“

Waren es zu Beginn seiner Tätigkeit Erziehungsschwierigkeiten, die im Vordergrund standen, oder Alkoholiker, die die Heimtore belagerten und ihre Kinder wieder haben wollten, sind es heute die Jüngsten in der Gesellschaft, die Probleme haben, die sich nicht wehren, nicht äußern können und keine Lobby haben.

Knoop: „Viele haben Glück und werden von den Mitarbeitern des Jugendamtes früh genug von ihren Schicksalen zu Hause befreit; andere nicht. Es sind auf jeden Fall mehr geworden in den vergangenen Jahren, die Hilfe brauchen.“ Deshalb sind aus einer Gruppe mittlerweile vier geworden. Es gibt eine für Kinder ab einem Jahr und drei für Mädchen und Jungen ab vier Jahren mit jeweils sechs Plätzen.“ Meist geht es um Unterversorgung, oft kommen ganze Geschwister-Gruppen.

Demnach sei das Heim kein Auslaufmodell – im Gegenteil, findet er. „Ohne uns kommt man nicht aus. Gute Pflegefamilien sind rar besetzt.“ Wenn er ein Fazit seines Berufslebens ziehen soll, erklärt er: „Es war nie ein Tag wie der andere.“ 30 Prozent seien zwar Routine gewesen, aber in 70 Prozent der Fälle mussten er und seine Mitarbeiter sich auf etwas Neues einstellen. Oft sei er niedergeschlagen nach Hause gefahren, weil nichts gelungen sei. „An anderen Tagen bin ich ,50 Zentimeter über dem Boden nach Hause geschwebt`, weil es ein guter Tag war.“ Im Marianum bekommen Jugendliche das Rüstzeug für ein selbstständiges Leben. „Wir legen unser Augenmerk auf die Förderung der Ältesten. Es gibt eine Gruppe mit fünf Plätzen für Jungen ab 16 Jahren. Die größeren Mädchen beziehen Übungsappartements für den Schritt ins Leben. Die Vermittlung von Werten und Normen seien dem Heimleiter stets genauso wichtig gewesen, wie die Vermittlung und Umsetzung moderner Erziehungsmethoden.

Zu seinem Abschied, „klein und rührend“, hat so manch einer eine Träne vergossen. Knoop eingeschlossen. „Die Kinder haben getanzt, selbst ein Lied geschrieben und kleine Briefe verfasst und sie mit netten Gaben überreicht.“ Und zum Schluss hat er stolz an drei Frauen gedacht, die im Kinderheim Marianum betreut wurden. „Eine ist Rechtsanwältin, eine Psychologin und eine Frau studiert Medizin.“