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Krefelder Insektenkundler der Vergangenheit

Entomologischer Verein Krefeld : Insektenkundler der Vergangenheit

Der Entomologische Verein Krefeld stellt in einer historischen Publikation zwei Persönlichkeiten vor, die vor Ort Insekten erforschten.

Dass Entomologie, Insektenkunde, in Krefeld ein wohl bestelltes Feld vorweisen kann, ist bekannt. Es gibt den traditionsreichen Entomologischen Verein Krefeld, dessen Arbeit über Stadtgrenzen hinaus Strahlkraft vorweisen kann. Zuletzt wurden Forschungen des Vereins unter Federführung Martin Sorgs mit dem Ehrenpreis des Deutschen Umweltpreises ausgezeichnet. Es ging um besondere Fallen und besorgniserregende Erkenntnisse beim Rückgang der Insektenmenge – oft verkürzt apostrophiert als „Insektensterben“. Aber wussten Sie, dass Insektenforschung eine sehr lange Tradition in Krefeld hat? Gut – immerhin existiert der Verein, der heutzutage es mit seiner Arbeit bis in die Schlagzeilen überregionaler Presse geschafft hat, schon seit 1905.

Nun hat aber der Verein in einer neuen Veröffentlichung einen historischen Rückblick geliefert, der beweist, wie herausragend Krefelder Entomologen schon vor über 100 Jahren waren. „Zwei in Krefeld lebende und arbeitende Entomologen trugen maßgeblich zum heutigen Kenntnisstand der artenreichen Insektenordnung der Zweiflügler (Diptera) bei“, heißt es seitens des Vereins. Zweiflügler sind Fliegen und Mücken. In Mitteleuropa gibt es rund 9200 Arten, „sie stellen eine der artenreichsten Insektenordnungen dar und nur wenige Insektenforscherinnen und Insektenforscher beschäftigen sich mit der Vielfalt dieser oftmals winzigen Insekten“, heißt es in der Einleitung der Veröffentlichung.

Vorgestellt werden Jean Jean (Johannes) Winnertz, geboren 1800, verstorben 1890, und Max Paul Riedel, Jahrgang 1870, gestorben 1841. Gemeinsam beschrieben sie wissenschaftlich erstmalig unzählige Insektenarten aus der Umgebung von Krefeld, die auch heute noch Artbestand haben, weiß der Verein zu berichten. Und es überrascht zu erfahren, dass nach ihnen bislang keine deutschen Entomologen mehr gegeben habe, die so tief in allen genannten Zweiflügler-Gruppen eingearbeitet waren.

Die wissenschaftliche Arbeit, verfasst von Julian Enß, Thomas Hörren, Vanessa Schlüter und Werner Stenmans, berichtet auf 12 reichlich bebilderten Seiten samt reichhaltigem Anhang – wie es sich für gute Forschung gehört – über Wirken und Personen. Aber trotz des sehr umfangreichen wissenschaftlichen Passepartouts ist der Text gut verständlich lesbar, auch für Menschen, die sich nicht zuvor tief in die Materie der Insektenforschung oder der Wissenschaftsgeschichte einarbeiten wollen.

Jean Jean Winnertz forschte zu
Gall- und Pilzmücken

Johannes Winnertz auf einem undatierten Foto aus dem Atelier Ed. Schellbach, Crefeld (coll. Kraatz). Foto: Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut (Historisches Archiv) Porträtsammlung 4499

So erfahren wir über Winnertz, dass er Kaufmann war und als Entomologe zu verschiedenen Mückenfamilien arbeitete. Doch sonderbarerweise gab es zu dem gebürtigen Krefelder, der sich im Besonderen in der Forschung zu Gall- und Pilzmücken hervorgetan hatte und durchaus als bekannter Entomologe gelten konnte, wenige biografische Daten. Man findet keinen Nachruf, kaum oder nicht korrekte Lebensdaten-Angaben. Die Autoren gingen auf die Suche und wurden im Krefelder Stadtarchiv und im Landesarchiv fündig. So weiß man nun, dass Winnertz in der sogenannten „Franzosenzeit“ (Revolution) als „Jean Jean“ geboren wurde und im „Personenstandsbuch unter Laufnummer 125 der 25. Nivôse des Jahres 8 eingetragen“ ist. Umgerechnet auf den bei uns geltenden Gregorianischen Kalender: Sonntag, 15. Januar 1800, sieben Uhr morgens.

„Johannes Winnertz gehörte zu den frühen Mitgliedern des 1858 gegründeten Naturwissenschaftlichen Kränzchens in Crefeld“, erfährt man und auch, dass er im „Entomologischen Vereine zu Stettin“, aber auch im „Entomologischen Vereine in Berlin“ aufgenommen wurde. Johannes Winnertz gehörte zweifellos, zu diesem Schluss kommt die Veröffentlichung, zu den „großen Krefelder Naturkundlern des 19. Jahrhunderts.“ So beschrieb er 1867 insgesamt 131 neue Trauermücken-Arten, zuvor waren lediglich 55 Arten dieser Tiere in Europa bekannt. Winnertz hatte übrigens neben seinen entomologischen Kenntnissen auch tiefergehende botanische Ambitionen.

Max Paul Riedel lebte
vier Jahre in Uerdingen

Riedel, gebürtiger Magdeburger, war Postamtmann und Rechnungsrat. Als Entomologe bearbeitete er vor allem die Schnaken und Raupenfliegen, berichtet der Krefelder Verein. Riedel, der mehrfach den Wohnsitz wechselte, lebte von 1908 bis 1912 in Uerdingen. Riedels Lebensphase in Uerdingen erbrachte einige für den Niederrhein interessante Veröffentlichungen, und er sei vor Ort wohlbekannt gewesen, resümiert der in der Serie „Naturalis“ Ausgabe 1, erschienene Text.

In Uerdingen erarbeitete er seine 1913 veröffentlichte Arbeit: „Die paläarktischen Arten der Dipteren-Gattung Tipula L.“, die in den Abhandlungen des Vereins für Naturwissenschaftliche Erforschung des Niederrheins erschien. Er beschreibt darin 13 bislang unbekannte Mückenarten. Beachtlich: Das nun von den Autoren des Textes erarbeitete Literaturverzeichnis der Veröffentlichungen von Max Paul Riedel umfasst 50 Titel. Eine derartige Übersicht hatte bislang gefehlt.

Die beiden Persönlichkeiten stehen natürlich auch stellvertretend für weitere Akteure, die schon früh den Boden für die Entomologie im Niederrheinischen bereiteten.